Friday, June 24, 2011

John Wayne in Reykjavík

Das Horoskop hatte zu den Vorkommnissen des heutigen Tages geschwiegen.
Sollte wohl ne Überraschung werden.
Es gab viele Pläne an diesem freien Tag - von Auspeitschungsszene fertigschreiben (die liegt mir seit langem im Magen, sie belastet und will aber noch nicht so recht aufs Papier, was erst recht belastet) über Schreibtisch aufräumen, vielleicht doch mal was kochen, Straßenverkehrsamt in Reykjavík hin zu unsere amerikanischen Collegegäste am Abend verabschieden. Das einzige was ich erledigen konnte, waren meine Autoschilder abgeben und damit die unendliche Geschichte eines Autoimportes mit Beinahe-Ruin der Besitzerin beenden.

Dann kam das Geräusch aus dem Motor. Erst ein schüchternes Gaszögern, dann ein flappflapp, als ob ein zerrissener Gummi sich dreht, dann startete ein mir bis dato unbekannter Mähdrescher unter Mazdas Motorhaube °° ...
Im Schrittempo sind wir erst zur nächsten Tankstelle und von dort aus zu einer angeblich total kompetenten Werkstatt - Freitagsnachmittags kurz vor 5. Erst lauschte ein Isländer dem Geräusch, dann ein Russe, schließlich ein Pole. Sie zuckten ratlos mit den Schultern - und machten freundlich Feierabend.
Komm Montag wieder.
Äh - ja - und wie?

Das Ende vom Lied war, daß Mazda nun 80 km entfernt vor irgendeiner Werkstatt steht, und ich meinen zur Probe ausgeliehenen Sattel schulterte und ihn wie ein Cowboy, dem sein Pferd verloren ging, quer durch die Stadt schleppte - zum total unwesternmäßigen Bus nach Selfoss.
Ich bin sicher, heute abend haben viele Leute was Lustiges zu erzählen, von einem schrägen Vogel, der zwei Tage vor Beginn des Landsmót mit einen Sattel auf der Schulter, und kein Pferd ...
Aber das hatte ich bisher nie - so kennt mich die Straße 30 ;-)






Der Rest des Tages verlief dann wie im Märchen - der Prinz kam auf dem grünen Pferd angeprescht, um mich vom Bus abzuholen, die liebste Freundin lieh mir ihr Auto, damit ich arbeiten gehen kann, und am morgigen Jónsmessa, dem isländischen Mittsommer, gibts für alle wieder eine hübsche Geschichte von stuðbolti mit den roten Haaren.

An Mittsommer fallen eben Geschichten vom Himmel weil die Sonne ja nicht schlafen geht und gar nicht alle Geschichten festhalten kann, die sie den langen Tag über gesehen hat :-)

An Mittsommer sind die Farben anders.






Die Nebel steigen noch geheimnisvoller auf und helfen den Geist zu öffnen ...









... und vielleicht geschieht ja das Wunder einer Lösung für mein halbtotes Auto.

Wenn nicht, reite ich eben zur Arbeit. Den Sattel könnte ich ja behalten.

Monday, June 13, 2011

Von Mäusen und Menschen ...

"Gibts hier was Besonderes?" fragte der Mann mit der Kamera am Mývatn.
"Nö," sag ich und schaue weiter den Dampfschwaden zu, die sich nicht anfassen lassen wollen.
Er schaut seine Bilderbeute an, steckt die Kamera ein und geht zurück zum Bus.





Am Mývatn lassen sie übrigens ganz schön Dampf ab.
(guter Ort *g*)

Hier und da bauen sie sogar Dampf ab ;-)







-

Hier gabs offenbar was Besonderes.

Sie halten die Kamera vor sich, schauen ihre Bilderbeute an und gehen zum Bus.







Ich fragte mich, was sie wohl sagen würden, wenn sich in ihrem Beisein die Erde öffnete und Lava hervorbrächte. Was in dieser Region ja durchaus passieren könnte."Gibts hier was Besonderes?"


Zum Glück gabs was Blaues :-)




Sunday, June 12, 2011

Kvennaferd II

An einem langen Feiertagswochenende droht Familienterror, weswegen es schlau ist, sich trotz extremem Schreibstress und eigentlich Null Zeit, ins Auto zu werfen und WEGzufahren.
Das Gefängnisgefühl lockerte sich schon hinter dem Berg, und mein Silberpfeil fand, das hätten wir uns nach TÜV und Steuerarie echt verdient.
*saus*
*scheißaufGeschwindigkeitsbegrenzung*









Meine Wahl fiel auf Húsavík - am anderen Ende der Insel, und echt verflucht weit weg - 7 Stunden durch Berg und Tal, über eine vernebelte Heidi nach der anderen, und ja, 130 km/h geht, wenn der Gasfuß juckt ;-)


Danach allerdings macht man auch nicht mehr viel, und da es eh regnet, nebelt und nasskalt ist (klar - die Sonne scheint ja auch im Süden, wo ich herkomme), läuft man solange herum, bis man Farben gefunden hat ...






























Nachdem in der Bucht von Eyvík das Betreten des Landes 'stranglega' verboten war und der Bauer mir oberhalb des Strandes die ganze Zeit grimmig hinterherfuhr (dabei war ich brav zu Fuß hin und nicht als motorisierte 'umferd'), traf ich diesen Berg Treibholz und sinnierte, wem Treibholz wohl gehört.


Dem, der es findet?


Dem, an dessen Ufer es landet?


Oder am Ende niemandem??


Menschen können auch Treibholz sein.









Wenn man lange genug rumliegt, sieht man dann so aus ;-)









Und zieht vielleicht in dieses wundervolle verlassene alte Haus, Hringver, an der Straße nach Tjörnes, wo das Bett des Vorbesitzers noch unterm Fenster steht und auf einen neuen Bewohner zu warten scheint ...








Ok, vielleicht wars doch ein bisschen gruselig, es erinnerte schwer an das alte Haus aus "Schiffsmeldungen". Und einen Pferdestall gabs auch nicht. Ohne Pferdestall geht ja mal gar nichts.


Wir suchen weiter ;-)



Thursday, June 9, 2011

ég tala (ekki?) íslensku ...

Die babylonische Sprachverwirrung in der ich mich befinde, hat möglicherweise Ähnlichkeit mit den Flecken, die der liebe Gott von Zeit zu Zeit auf den Boden unserer Kirche malt.
Englische Fachliteratur lesen, deutsche Dramen schreiben, isländisch hören und zunehmend selber reden, immer mehr, immer verständlicher, immer korrekter, immer flüssiger, ohne daß ich mir irgendwas auf irgendwas einbilde - die Sprache ist schwierig und mein Geist intellektuell in ganz anderen Gebieten unterwegs - und jung bin ich auch nicht mehr.

So ist es ein echtes Doppel-Geschenk, wie gestern abend beim isländischen Frauenabend eingeladen zu werden und zu erleben, daß man einem zuhört beim Formulieren von Sätzen, und die Unterhaltung so führt, wie ich ihr intelektuell gewachsen war - mit unglaublichem Gespür für mein rudimentäres Sprachwissen schwenkten die beiden von isländisch auf englisch UND zurück ins isländische, sobald sie merkten, daß ich wieder "kann".

Sprache war auf einmal nicht mehr der Berg vor einem, sondern ein buntes Blumenfeld - manchmal zertritt man Blumen, aber manche kann man auch pflücken.





Vorausgegangen war ein Seminar zum Thema "Service".
Interessant deswegen weil für mich olle Kamellen in Tortenteig gepackt und schlecht verkauft wurden. Die Veranstaltung war fad, vier Stunden lang hörten wir uns schlampig vorgetragene Selbstverständlichkeiten an - dann kam die Wahrheit, in Gestalt von Örn Árnasson, einem isländischen Schauspieler und Komiker, der sich das Recht herausnimmt, seinen Landsleuten einen Spiegel vorzuhalten.
Und er reihte Geschichte an Geschichte aus der Servicewüste Island, wie sie jeder schon erlebt hat und wie ich sie auch zu gut aus Deutschland kenne, und wir - die isländischen Kollegen und ich - haben uns halb tot gelacht. Und als er endete, dachte ich: Sapperlot. Ich hab den ganzen Vortrag komplett verstanden und konnte über seine Witze lachen.

Heute war dann wieder alles so wie immer, und als ob Örn hinter der 'Versteckten Kamera' stand: du gehst in einen Laden auf der Shoppingmeile Laugavegur, gibst dir Mühe, dein Begehr auf isländisch vorzutragen, findest daß es durchaus verständlich war, und erntest aber ein komatös-kaugummikauendes "Ha!"(=wat??), du wiederholst dein Begehr, sie redet dich unfreundlich auf englisch an, worauf du stumm deine isländische Bankkarte zückst (die hat man nur als resident) und sie stockt - kassiert und den Rest auf isländisch erledigt, offenkundig verwirrt.
Geht doch, denk ich trotzig.
Geldkarten sprechen auch.


Pferde sind zum Glück multilingual - die kleine Hexe spricht alles was nett klingt und wenn es schmeckt, spricht sie es noch besser. Wenn es nicht schmeckt (wie das doofe Mineralfutter), dann hilft es sie bei jedem Bissen abartig zu loben - auf deutsch. Sie prustet 'naaa guuut' auf isländisch - und die Hand ist leergeschlabbert.







Und er spricht und weiß sowieso alles. :-)











Saturday, June 4, 2011

Kvennaferd - wenn Frauen losziehen

Der Sommer nähert sich in Riesenschritten - zwar nicht unbedingt per Wetter, das ist hier weiterhin lausig kalt, aber alles ist besser als deutsche Endlos-30-Grad ---
Die Ferien haben begonnen, der Verkehr verdoppelt sich schlagartig, meine Kirche ist voll, die Tourbusse auch, und überall Pferdetrailer, wohin man auch schaut, unterwegs auf hestaferd.

Und das Wunder geschah: meine Freundin lud mich ein zu einem Ritt in den taghellen Abend und stellte mir dafür ihre Stute zu Verfügung - das größte Geschenk überhaupt auf dieser Insel.
Los gings, in Gesellschaft von 50 gutgelaunten Frauen - oder mehr? - durch den schwarzen Sand von Hella, und dann gabs nur noch den kräftigen Wind in den Ohren, das Schnaufen der Pferde, das Trampeln der Hufe im mehr als flotten Tölt, nimmermüde, vorwärts, vorwärts - áfram!





Sie tranken ordentlich, dann mussten sie anhalten und pinkeln, was zu regelmäßiger Erheiterung führte, weil selbst Isländer nicht automatisch die Nerven haben, ihren Popo vor aller Augen in den Wind zu halten ... doch je weiter der Ritt, je kälter der Wind und je mehr in der Blase, desto egaler ist das Fehlen von Baum und Busch ...






Mir war alles wurscht, Hauptsache Pferd :-)

Tempo, Gangart, ob um uns herum Damen vom Pferd fielen ... wurscht. Die schwarze Saga und ich fetzten durch den Sand, easy mit den Zügeln in einer Hand und das Pferd doch ganz bei mir, vorwärts, áfram, und nur zu Anfang wunderte ich mich, daß ich sowas kann, wo ich doch fast nie reite und früher solche Angst gehabt habe.


Der Wind nimmt alles mit sich. Ein klammes Herz, ein verzagtes Gemüt - alles.