Sunday, May 29, 2011

Springtime - Frühling

Es frühlingt wie der Teufel hier draußen.
Das Grün explodiert als Ergebnis von Aschedünger plus Regen, überall springen Lämmer herum, tölten (sic!) über das noch kurze Gras, machen Unfug im Stall und müssen sich zwischendurch natürlich ausruhen. Wie kleine Kinder fallen sie dann einfach um, schlafen ein paar Minuten, und sind wieder fit für die nächste Jam-Session.
Was für ein toller Rhythmus!!!





Allen Besorgten des letzten postings sei versichert, daß mein Schädel noch heil ist und sowohl das Pferd als auch ich was gelernt haben. Dinge sind halt sehr anders, für uns beide, und wenn man sich in der Mitte trifft, kann das trotzdem klappen. Heute haben wir uns dort getroffen und hatten eine gute Zeit miteinander. Wenn das Pferd nach der Arbeit auf dich zukommt, hast du wohl irgendwas richtig gemacht.

Frühling herrscht übrigens auch an einem Ort, wo man ihn kaum vermutet °°
Das Páll-Pferd hat nun weibliche Gesellschaft - zwei kleine Mädchen und eine ältere Dame. Und was sehe ich, als ich ihn heute besuchen komme?






Herr Páll hängt auf der Dame, die zum Glück klein ist, er möchte ja gerne noch wachsen, schließlich ist er erst 2. Und übrigens kastriert. Er hängt also auf der Dame, weil der Frühling ihm was sagt, was er nicht so wirklich versteht, aber er ist ihm mal gefolgt und so hängt er nun da. Und die Dame dreht sich neugierig um, und dann hängt er seitlich und fragt sich, wie in aller Welt er bloß da hingekommen ist ...

Dann sieht er mich und steigt mal herunter, er weiß ja eh nicht so recht. Kommt angedackelt und nimmt das übliche Programm begeistert in Empfang, schließlich ist er eigentlich noch ein Junge.

Als ich ihn wegschicke, sagt er 'danke!' und schießt der Dame hinterher und versucht erneut sein Glück, rauf und ein wenig ratlos, dann mal von rechts, und sie lässt es geschehen, Jungchen, mach du mal, und zupft in Seelenruhe weiter Gras.

Und sie hält ihn auch nicht davon ab, sich abzumühen. Die Jungs müssen einfach von selber drauf kommen, wie das mit den Damen geht ... aber der Frühling zeigt's ihnen schon ;-)

Saturday, May 28, 2011

when life kicks - kick it

Die letzten Reste der Grímsvötnasche, die man sich auf den Weiden noch holen konnte, hat der Regen nun weggewaschen.
Die Schuhe sind noch nicht geputzt und schlampige Hausfrauen finden weiterhin aschige Ecken, denken, ja bei der nächsten Putzrunde, erinnern sich dann, daß da ja Glassplitter drin sind und daß sie immer noch husten ... und holen seufzend den Putzeimer.





Manchmal beißt das Leben einen in den Hintern. Da sich meiner auf 53 Kilo reduziert hat, ist er zu klein um sich auf den Scheiß einfach drauf zu setzen *g*
Ich bin heute zum ersten Mal in meinem Leben von einem Pferd im Angriff getreten worden. Es ist jung, ich beschäftige mich am Boden mit ihm, weil ich als Reiter keine Routine habe und mangels Reitgelegenheit auch keine sammeln kann.
Doofe Lage, aber auch aus doofen Lagen kann man sich mit Geduld einen Stapel bauen, um aus dem Fenster zu schauen.

Das Pferd wollte sich losreißen und einer Gruppe Reiter mit Handpferden über die Landstraße hinterherlaufen - ja klar, ich wär mit den Kerlen auch supergerne mit, aber das war nun mal nicht unser Programm. Sah sie anders, ich kämpfte gegen einen Dickschädel, da stieg sie und versuchte mich gezielt zu treten.
Sie traf nur mein Bein, aber es hätte auch der Kopf sein können.

Und ich beginne so manches auf dieser dem Kontinent so fernen Insel mit anderen Augen zu sehen. Man versteht, warum Dinge sich anders entwickeln als bei uns - und versteht es nur, wenn man in der Situation drin war. Was keine Pauschalisierung sein soll. Mir hilft das Nachdenken über Beobachtungen, mit der Realität besser fertigzuwerden.
- Manche verlassen den Hof im flotten Tempo, damit es keine Diskussionen gibt, daß man nicht vom Hof will. Rein pragmatische Lösung, die immer funktioniert.
- Nur wenige machen hier Bodenarbeit, weil es kaum eingezäunte Plätze gibt und es im Gelände gefährlich ist.
- Man setzt sich früh aufs Pferd, weil man von oben besser mit Kraft regeln kann, was am Boden schiefgeht (s.o.). Kraft und Technik schaffen die gewünschte Benutzbarkeit des Verkehrsmittels weitaus schneller als ein PferdPartnerFreundBlabla.
- Man denkt bei solcher Widersetzlichkeit eher über Strafen und Sanktionen nach als über ein PferdPartnerFreundBlabla.
- Man versteht noch besser, warum manche Reiter ihr Heil in Gegenständen suchen, wenn sie dem Pferd ohne Hilfe gegenüberstehen.
- Man versteht sofort, warum tretende und bockende Pferde relativ schnell im Schlachthaus landen.










"Da muss wohl einer auf dich aufpassen," findet das Páll-Pferd und knickt über mir zum Dösen ein.







Wenn er soweit ist, bin ich 50 und vermutlich ist mir dann alles egal, Unfälle inklusive.

Wir werden in die Berge reiten und niemals zurückkommen.

http://www.youtube.com/watch?v=4FibJebSe-k

Einstweilen lasse ich mich nicht entmutigen - und verliere mein Ziel nicht aus den Augen. Darin hab ich Übung - seit über 7 Jahren. ;-)








Wen kein Bangen mehr beschwert,

frei von hinnen reitet

Heil führt ihn auf seinem Pferd

Glück die Zügel leitet.




Die Geschichte des Reimes ist übrigens so schräg, als ob sie für mich ersonnen wurde:



Jón Árason war Bischof von Hólar. Er mochte weder sich dem Bischofssitz von Skálholt unterwerfen noch zum frischen lutheranischen Glauben konvertieren, also nahmen sie ihn gefangen und wollten ihn aufhängen. Sein Söhne kamen mit Pferden und sie flohen in der Nacht vor der Urteilsvollstreckung. Und Jón schrieb die obigen Zeilen (die im isländischen weit weniger romantisch klingen, sie passen zur Insel, die deutsche Übersetzung passt zu uns) Die Häscher von Skálholt fanden die Flüchtigen und hängten sie nun alle drei auf.



Ein Gedenkstein neben der Kathedrale erinnert an ihn.

Kein Zufall, der mich dort hinführte.

Tuesday, May 24, 2011

Ansichten ...

Lassen Sie Kata niemals alleine mit einem Konzertflügel im Raum.
Ein Flügel ist schwarz.
Ein Flügel hat Innenleben.
Ein Flügel macht Musik.
Und irgendeine Kamera hab ich immer dabei.

















Eigentlich waren wir am putzen. Die Asche ist überall, und hat man sie weggewischt, kommt sie wieder. Einpacken - verkaufen?

Hat der Name Grímsvötn mehr Magie als Eyjafjallajökull?

In jedem Fall sieht er hübscher auf dem Etikett aus.













Monday, May 23, 2011

Aschevogel - ashbird

Der Aschevogel hat seine Schwingen über das Land gebreitet, kaum ein Ort im Süden, der nicht unter einem hauchdünnen Schleier liegt. Die Asche schmiegt sich um jeden Gegenstand und sammelt sich in Ritzen und Vertiefungen, und statt Regen, der alles säubern würde, stürmt es nur, und das Zeug wird durch die Gegend gewirbelt und hat sich selbst in den Westfjorden auf den frischgefallenen Schnee dort gelegt.
Die ersten Schafe und Lämmer sind in der schwarzen Region um Kirkjubaejarklaustur südwestlich des Vulkans verendet. Anders als im vergangenen Jahr kommt die Asche spät, das ganze Vieh ist schon draußen und kaum wieder einzusammeln.
Vulkanologen sagen, das sei der schwerste Ausbruch seit 100 Jahren. In jeder Sekunde fördert Grímsvötn zweitausend Tonnen Lava an die Erdoberfläche, die durch Kontakt mit Schmelzwasser zu Asche zerstiebt. Die Ringstraße nach Höfn ist wieder geschlossen, die Sicht zu schlecht, und Gaffer wirbeln nur sinnlos Asche auf wenn sie herumfahren. Touristen können sich stattdessen umsonst in Schwimmbädern und Museen vergnügen - immer noch sind die Flughäfen mal auf, mal gesperrt und Reisende hängen in Island fest, weil die Aschewolke nun doch Richtung Schottland treibt.
In Kirkjubaejarklaustur ist es wieder stockfinster. Draußen sein ist ziemlich doof, es brennt und kratzt in den Augen und im Hals, und nach wenigen Minuten hat man eine feine Sandschicht auf der Haut sitzen. Die Draußenpferde weinen schwarze Tränen und spielen am Wassertank im Sturm. Die Drinnenpferde dösen bei Heu im Stall vor sich hin. Kaum jemand auf der Straße.
Wie immer hört man niemanden klagen - das ist halt so. Leidinlegt allenfalls - langweilig.











#














Vom Fenster aus käme man kaum auf die Idee, was da draußen umherfliegt. Es sieht aus wie ein grauer Tag, bisschen grauer als sonst, bisschen dunkler als sonst. Leidinglegt halt - langweilig.


Asche und Sturm legen sich aufs Gemüt und machen entsetzlich müde - wenn ich an meinem freien Tag tagsüber 2 Stunden schlafe statt meine Schreibtischberge abzuarbeiten, ist was falsch.










Um dennoch Farbe ins Leben zu zaubern, hab ich dem Páll-Pferd heute ein knallblaues Halfter gekauft. Und schon war etwas lustig. Skemmtilegt ;-)

Und das hier ist natürlich wirklich was Feines:


Sunday, May 22, 2011

Dunkelheit - darkness

Sie kam dann doch.
Ich hab die Aschewolke gesehen, als ich um Mittag zur Arbeit gefahren bin - Richtung Ost und dann nordwärts. Sie kam und griff wie ein hungriges braunes Tier nach dem blauen Himmel. Wir hatten viel Arbeit, eine gestrandete Reisegruppe aus Deutschland, alle Flughäfen sind ja dicht - sämtliche Zimmer mussten in Rekordgeschwindigkeit sauber und bezugsfähig gemacht werden, und als wir fertig waren, sah es vor der Tür so aus: Die Wolke fand meine Kirche.




Eine knappe Stunde später war sie bei uns, umarmte uns, nahm Besitz von der Landschaft und von allem - den Augen, dem Mund, den Haaren - verschlang alles.
Wegen meiner Kontaktlinsen kann ich kaum rausgehen, es kratzt sofort in den Augen und man meint, einen Löffel Sand geschluckt zu haben. Das weiße T-shirt war von den kurzen Fotoaufenhalten draußen von einem bräunlichen Schleier überzogen.
Im Haus selbst überall brauner Staub, auf Tischen, Stühlen, Geschirr, egal was man anfasst ...
Das ist weitaus mehr Asche als im letzten Jahr. Natürlich kein Vergleich mit den Geplagten im stockfinsteren Kirkjubaejarklaustur - aber uns reicht es.















Den Heimweg gegen halb 10 konnte man nur erahnen. Alles was man kennt, ist verschwunden, die Landschaft von einem braunen Schleier überzogen.












Jetzt ist es halb 11 unsd ich habe zum ersten Mal seit 3 Monaten wieder eine Kerze im Fenster stehen weil es dunkel genug ist, ihr Licht zu genießen. Draußen ist es so braundunkel, als haben jemand das Land in eine Daguerrotypie verwandelt. Daguerrotypien knirschen aber nicht zwischen den Zähnen.


Und so sah es über dem Vulkan aus - garnicht:




Die Nachrichtenlage ist folgende:

Man erwartet daß der Ausbruch in den nächsten Tagen zur Ruhe kommt. Die Ascheemission verläuft wie erwartet, mit einer Flut ist nicht zu rechnen, da der See Grímsvötn sich erst letztes Jahr fast vollständig entleert hat, also kaum überlaufen kann.



Die Asche ist ärgerlich, aber nicht so gefährlich wie die des Eyjafjallajökull letztes Jahr, sie entsteht aus Basaltlava, die sich durch den Kontakt mit Eis/Schmelzwasser in Asche verwandel und kein Fluor enthält. Feine Glassplitter, die empfindlichen Personen und dem Weidevieh gefährlich werden können, werden nur in den ersten ein oder zwei Tagen erwartet.


In den schlimm betroffenen Gebieten um Kirkjubaejarklaustur und Vík haben die Rettungsteams schon Atemschutzmasken und Schutzbrillen verteilt - wer draußen nichts zu suchen hat, bleibt eh im Haus, das kennen wir ja noch vom letzten Jahr. Die bis gegen Mittag geschloossene Ringstraße ist wieder geöffnet, Fahrten indes sind kaum möglich weil die Sicht so stark eingeschränkt ist.


Was man aufstallen kann, geht in den Stall, Weideviel wird mit Heu und fließendem Wasser versorgt, um die gefürchtete klumsi-Krankheit zu verhindern. Der Ausbruch kommt diesmal spät im Jahr, die meisten Lämmergeburten sind durch und schon draußen. Aber die Ascheschicht ist lange nicht so dick wie im letzten Jahr, wo einige Bauern ihre Weiden aufgeben mussten (zu Unrecht wie man später gesehen hat) - bis Mittag maß man in Vík etwa 1 cm Asche.


Einstweilen zieht die Aschewolke Richtung Hauptstadt. Die Flughäfen bleiben weiterhin geschlossen, etwa 1000 Passagiere saßen alleine heute in Island fest. Noch hat die Insel genug Platz, die Saison hat nicht wirklich begonnen. Aber das Umbuchen von Touren und Übernachtungen, so gestand mir der Reiseleiter, gleicht einem Abenteuer, weil derzeit alle das Gleiche versuchen.


Wie es weitergeht, kann man bei http://www.icelandreview.com/ verfolgen, wo wir zeitnah berichten und ich an diesem Wochenende und in der kommenden Woche die deutsche Seite übersetze.

Die deutsche Tagesschau brachte am Abend genau drei Sätze zum Thema.

Island ist seeehr weit weg, habe ich gelernt.







Saturday, May 21, 2011

Ausbrüche - eruptions

Und wieder ist ein Vulkan ausgebrochen - Grímsvötn ist mit etwa 350 km zwar weit genug weg, aber dennoch ein Vulkan. Er liegt unter dem riesigen Eispanzer des Vatnajökull und ist Islands aktivster Vulkan. Grímsvötn bricht alle paar Jahre aus. Dann spuckt er und bringt Eis zum schmelzen, und die Flutwelle die sich zu Tal wälzt, macht aus der Sandeinöde Skeidarársandur noch mehr Wüste. So sah das vor ein paar Jahren aus:
http://www.youtube.com/watch?v=MgkEwIykTno&feature=related
Und hier noch ein paar gute Fotos:
http://klaengur.imgur.com/grmsvtn

Diesmal scheint der Ausbruch größer als erwartet zu sein, man zieht bereits Vergleiche mit dem großen Heklaausbruch von 1947 und dem Grímsvötnausbruch von 1934, denn die Wolke maß am Abend satte 20 km. Mit Aschefall muss im Süden des Gletschers gerechnet werden und der Flughafen Keflavík wird vorsichtshalber erst mal dicht gemacht. Rings um den Vulkan gibt es eine Sperrzone von 120 Seemeilen - vorsichtshalber. Tageswanderer auf dem Gletscher hatten übrigens nichts Außergewöhnliches bemerkt, als sie die Gegend gegen Mittag verließen. So schnell kanns gehen.

Von meinem Arbeitsplatz aus konnte ich die Wolke gut sehen und mit dem Handy fotografieren. Meine (deutschen*g*) Freunde hatten mich angerufen und gesmst, hast du schon gesehen, kannst du was sehen?? hast du mehr gehört, und unter den Seminarteilnehmern im Hotel kursierten die ersten Geschichten. Seminaristen holten mich auch zu den Sondernachrichten dazu, was ich sehr nett fand - das TV beim Nachbarn daheim ist für weibliche Besucher ja weiterhin gesperrt.





Lustig, daß es zur selben Zeit wie im letzten Jahr rumst. Hoffen wir daß es ohne Flugtheater geht.
Und wieder einmal liebe ich das Internet und meine beiden Lieblingsadressen:
http://www.vedur.is/skjalftar-og-eldgos/jardskjalftar
http://www.ruv.is/frett/haesti-gosmokkur-fra-heklugosi-1947

Nicht nur Vulkane brechen aus - auch Arbeit kann explodieren. Wer immer schon mal wissen wollte, was man so als Bücherschreiber tut ;-) ... ich arbeite von 7 Uhr morgens bis mittags an meinem Buch und von 13 Uhr bis 21 Uhr im Hotel. Nebenher übersetze ich noch und schreibe Artikel. Das Leben hier ist halt schweineteuer, weswegen der Tag einfach mehr Stunden haben muss. Ein Privatleben findet nur noch neben meinem Páll-Pferd statt, so kommt man auf keine dummen Gedanken. Das anatomische Herz sagt einem schon, wenns zuviel ist, und man kann sich überlegen ob man hinhört oder weitermacht.
.
Manchmal gesellen sich zum Páll-Pferd auch noch andere Pferde dazu - die explodieren gerade nämlich auch auf den Weiden. Überall toben kleine bunte Wollknäuel über das Grün und wecken verschütt gegangen geglaubte Mutterinstinkte und Nestbautriebe ...
Zum Glück bin ich für sowas zu alt.











Danke übrigens für die vielen Rückmeldungen - interessant, eure Erfahrungen zu hören! Und gut zu wissen, daß man nicht alleine mit dem Problem ist und daß Einsamkeit keine Nationalität hat.






In meinem nächsten Leben werde ich als Stehpinkler zur Welt kommen und gucken ob sie recht haben mit ihrem Gerede, wir Frauen würden ja alles nur falsch machen, und andere hätten schon und würden und könnten viel besser ...



Und ich würde dann zwar weiterhin gegen den Strom schwimmen, aber sicher nicht gegen den Wind pinkeln ;-)

Sunday, May 15, 2011

Communities - Gemeinschaften

Eine ganze Woche war die Grippe hier zu Gast, trotzdem geht man arbeiten - ohne schriftlichen Arbeitsvertrag setzt man seinen Job lieber nicht aufs Spiel.
Und so pfiff mein Körper mich zurück, verurteilte mich gnadenlos zum Nichtsdenken, Nichtstun, sobald ich daheim war, weil nichts mehr ging.







Gestern abend erwachten dann die Lebensgeister - Eurovision Songcontest, und Partylust machte sich breit. Oder Erinnerungen an früher - Treffen mit Freunden, Nussecken, Grillabend, Himbeereis im Garten?
Nichts ging auch hier auf dem platten Land, in Island ist man zwar regelrecht Söngvakeppni-wild, aber bitte, wie alles, daheim, im Familienverband. Wir zwei Mädels gingen Landstólpi auf den Leim, der Laden offerierte kjöt á grill zum Ereignis - doch leider keine Party, nur das Fleisch für deinen Grill zuhause.
Und so saßen wir wieder einmal als zwei Deutsche zusammen, obwohl wir doch isländische Gesellschaft wollten.

Und diskutierten den Ausspruch eines Isländers, man möge doch bitte keine von diesen komischen Deutschen werden, die immer nur zusammenglucken und deutsch reden.
Äh ...
Ja.
Nun.
Eine sachliche Analyse unser beider Situationen erbrachte, daß wir uns fühlen wie in einem Strom, den wir aufwärts schwimmen sollen. Lachse springen, Menschen schwimmen und das verbraucht verdammt viel Kraft.
Wärst du im Chor, wäre alles ganz einfach, hatte es gehießen.
Ich bin im Chor, die Leute sind nett und grüßen - fertig.
Würdest du zum Sport gehen, wäre alles ganz einfach.
Meine Freundin war beim Sport, die Leute grüßen - fertig.
Ihr könnt ja kein isländisch, heißt es, mit euch kann man sich nicht unterhalten.

Das ist sowohl unwahr als auch unfair - meine Freundin kann sich auf isländisch unterhalten, ich verstehe zumindest inzwischen fast alles, auch die Dinge die ich nicht verstehen soll, und ich weiß und verstehe wie ich hinterrücks zT. beleidigend genannt werde. Am Arbeitsplatz kämpfe ich mich so lange wie möglich auf isländisch durch bevor ich ins englische wechseln muss, weil mir die Vokabeln fehlen, ich mein Gegenüber aber dennoch weiter verstehe.
Die Lust, sich auf das Niveau herabzubegeben, um es schlußendlich anzuheben, ist kaum vorhanden. Man muss die Sprache lernen ohne Ansprache. Das ist höchst anspruchsvoll, und natürlich fragen wir uns sofort, wie das eigentlich in Deutschland läuft.
Reden wir mit Ausländern? Verbessern wir sie? Interessieren wir uns für sie?
Haben wir Geduld mit ihnen?
??
Mit anderen Ausländern ist es übrigens weitaus einfacher auf isländisch zu kommunizieren - sie begegnen einem mit mehr Geduld und Verständnis und auch mit mehr Offenheit.
Uns einen wohl die gleichen Integrationsprobleme auf dieser kleinen Insel.

Zurück zu den zusammengluckenden "komischen Deutschen" (O-Ton), beide nicht Bestandteil der Pferdecommunity, in der wieder vieles anders läuft (so heißt es jedenfalls).
Die eine hat einen isländischen Partner und man sollte denken, hey, alles easy, Hauptgewinn. Ja, schön wär's, die Realität ist leider anders.
Die andere (ich) ist solo und in brandgefährlichem Alter - Frauen in meinem Alter haben Familie, Mann und Kinder, vor allem auf ersteren wird aufgepasst, man weiß ja nie.
Abendbelustigungen gibt es daher nicht - vor allem, weil Familie und so. So wäre ich wohl auch, hätte ich Familie. Die isländische Familie bleibt zudem grundsätzlich lieber unter sich. Wie ist das bei uns - Hand aufs Herz?

Und wie soll man aus dem Dilemma herausfinden? Wie schafft man es, Menschen für sich zu interessieren, die sich selbst genug sind, die demonstrieren, daß sie niemanden, der anders ist, brauchen, die nicht neugierig sind?
Indem man sich durch Hilfsbereitschaft lächerlich macht? Durch Aufdringlichkeit?
Wie weit darf Beharrlichkeit gehen, bevor sie lästig wird?
Wenn ich jemanden offiziell zum Kaffee einlade - muss ich diese Einladung wirklich zweimal wiederholen??

Jedem, der jetzt alles besser weiß, empfehle ich gerne unsere Schuhe. ;-)
Es gibt übrigens einen Isländer, der ähnliche Erfahrungen mit seinen Landsleuten gemacht hat und dessen Buch eine Art Offenbarung für mich war:
http://www.icelandreview.com/icelandreview/deutsch/kulturblick/%E2%80%9ELiebe_Isl%C3%A4nder%E2%80%9C_0_377258.news.aspx
Wenn nicht mal ein der Sprache Mächtiger es schafft, mit den Menschen in näheren Kontakt zu kommen, macht das nicht so wahnsinnig viel Mut.

Ich glaube, eine Art Mischung ist die Lösung. Für so eine praktikable Mischung braucht man vermutlich Jahre und viel Hornhaut. Meine Freundin und ich sind ja erst zwei Jahre hier - fünf, so heißt es, braucht man mindestens.
Oh.
Auf dem Spiel steht die eigene Würde und das Gefühl, sich permanent lächerlich zu machen - daher wählen wohl viele Ausländer, egal in welchem Land, die Gesellschaft derer, die ihre kulturelle Sprache sprechen, jenen Code, mit dem man großgeworden ist und den man blind versteht.
Es mag wie ein Witz klingen: für mich ist es sehr anstrengend weil gegen meine Erziehung, in der Küche eines fremden!! Hauses, in welchem ich zum ersten Mal stehe, ohne Einladung Platz zu nehmen. Also bleibe ich stehen weil ich annehme, daß ich nicht bleiben soll. Nach fünf Minuten Unterhaltung (halb isl., halb englisch) wird es grotesk - die Hausherrin sitzt, ich stehe weiterhin und fühle mich unerwünscht, weil sie mir weder Stuhl noch Kaffee anbietet.
Und dann geht man. Und wird ganz sicher nicht einfach so mal wieder klopfen.








Páll ist meine ganze Freude und Sonne.
Er und die Erde unter mir geben einfach.













Sunday, May 8, 2011

Mothers day - Muttertag

An diesem Muttertag ist das schreckliche Sonntagsgefühl verdoppelt.
.
Zudem recherchiere ich für mein neues Buch Dinge, die mich kaum mehr schlafen lassen. Bilder von historisch belegten Bestrafungen und die offenen Särge in Seelenmessen von zum Tode Verurteilten sind seit einiger Zeit meine Begleiter, Tag und Nacht, egal wo ich bin. Wie in einer Schwangerschaft reifen sie im Kopf, bis sie sich eines Tages in wenige Worte verwandeln, bereit, meinen Kopf endlich zu verlassen. Sich weiter reduzieren, um die Grenze von plattem Horror zu Magie zu passieren, jene Grenze, die das Schreiben so schwer macht.
Solange bin ich ihr Gefangener, auf Gedeih und Verderb, einsam mit ihnen, weil man das mit niemandem teilen kann.

Ein Pferderücken und Wind im Haar reinigt den Kopf. Aber da ich nur Pferdehüterin bin, vermeide ich jegliche Gespräche ums Reiten oder Anblicke anderer, beschränke das Träumen und helfe mir anders.
Wie mit einem unsichtbaren Holunderstab ziehen die Pferde einen magischen Kreis um uns und sorgen in der Zeit in der ich bei ihnen bin, dafür, daß die Bilder draußen bleiben. In dem Kreis sind sie mir Stütze und Halt und Seifenpulver für die Seele.





Heute morgen war ich draußen auf der Weide. Hab mich trotz kaltem Wind ins Gras gelegt und Ruhe gefunden. Páll fraß vor sich hin, die Stute stand stumm neben mir und hielt Wache.
Als es still wurde, drehe ich mich um ...




























Unsere Zeit in diesem Dorf neigt sich dem Ende zu und ich bin für jede dieser so friedvollen, behüteten Stunden dankbar.






Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,


der uns beschützt und der uns hilft zu leben.


(Hermann Hesse, Stufen)