Tuesday, January 11, 2011

Fell - coat

Jeder Mensch hat seine eigene Weise, mit persönlichen Krisen umzugehen.
Die einen werden hyperaktiv, die anderen apathisch, die einen essen, die anderen hören damit auf, manche "tun sich was gutes", andere machen Dummheiten ...

Meine Krisenbewältigung ist nicht besonders ausgefeilt.
Sie besteht vor allem aus Schreiben und Pferde anfassen.
Das Schreiben geht in Krisenzeiten seltsamerweise besonders gut - weshalb man darauf achten muss, daß unbewusst kein Selbstläufer daraus wird.





Die Pferde aber bringen die Ruhe. Sie sind bei einem, ohne nach gestern und morgen zu fragen - immer freundlich, immer mit der Einladung, etwas von der Last und der Traurigkeit bei ihnen zu lassen und erleichtert fortzugehen. Ich kann besser atmen wenn ich bei ihnen war.
Sie schenken sich, und ihr Fell ist das Geschenkpapier.

Es ist nicht nur das Fell - seine Textur, die phantastische Länge des Winterhaares, seine Weichheit und die Farben, die es im spärlichen Sonnenlicht annimmt.
Es ist nicht nur die unermessliche Fülle von Lang-und Kurzhaar, und das kissenartige, in das man seine Finger vergraben kann.
Es ist das Lebendige, was es verbirgt, was unter den langen Haaren sitzt und auf die Finger wartet - freundlich, warm, empfangend.
Für mich ist es jedesmal ein Geschenk, ein Pferd anfassen zu dürfen und von ihm gezeigt zu bekommen, wo es grad am liebsten gekrault werden möchte.
Durch den dichten Haarteppich seine Konturen entlang fahren zu dürfen.
Mit dem Fell die Kraft und Würde des Wesens zu trinken.
Einen Hauch des Sommers zu spüren - laufen, laufen ... laufen ....!

Sunday, January 9, 2011

Muster - patterns

Das Verharren in Mustern kann einem das Leben zur Hölle machen.
Das wissen alle, die wie ich keine bösen Briefe aufmachen können, die von Lastern nicht lassen können, die immer wieder ihrem Blut folgen. Muster machen das Leben eindimensional – vordergründig einfach zu bewältigen, weil man sich an Ritualen entlang hangelt, die vorgeben, der Weg zu sein. Ritual und Muster sind jedoch Gefängnisse, mental wie körperlich, weil sie wie Vierecke keinen Ausgang bieten. Oder man verliert sich in dem innewohnenden Layrinth, was man übersehen hat. In jedem Fall fährt es einen vor die Wand.

Die Totenstille meines Jahresbeginns und Gleichgültigkeit haben mich an eine Wand aus Lava geklebt.
Entweder die Lava durchbohrt dich – oder du schaffst es, von ihr abzugleiten.








Wir nutzen nicht mehr als 5-10% unserer geistigen und körperlichen Möglichkeiten, sagt Moshé Feldenkrais – der Rest liegt tatsächlich brach. Der „Rest“ ist das, was uns mehr Bewegung ermöglicht - umzudrehen, ohne uns selber Schmerzen zuzufügen.
Der Rest ist der offene Himmel.
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Der Feldenkrais-Kurs am Bischofssitz Skálholt war in mehrfacher Weise augenöffnend.
Ein spiritueller Ort mit großer Stille und Energie, einer von jenen Orten, wo man Gottes Nähe spürt.
http://www.skalholt.is/
(davon abgesehen auch ein Ort großer Kochkunst - das Essen war einfach großartig!)
Ich ging mit eigentlich keinen körperlichen Problemen hin und erfuhr daß ich genug für zwei davon habe. Ich erfuhr daß mein Körper sich diesmal (anders als im letzten Jahr) meinem Befragen und Lauschen verweigerte, weil der Geist ihn daran hinderte. Es brauchte zwei volle Tage der Stille - und des Gebetes in der Kirche (sic!) - bis meine Rückenmuskeln bereit waren zu antworten, bis die Schultern es wagten, sich abzulegen. Bis ich mit dem Bauch atmen konnte und bei mir selber angekommen war.
Die Stille und nicht zuletzt Sibyl Urbanic' spürige Art, einen die Möglichkeiten erfahren zu lassen, halfen.
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Beim Feldenkrais geht es darum, Bewegungen mit viel Freundlichkeit zu sich selber auszuprobieren, bis man einen Weg gefunden hat, der angenehm und kraftsparend ist, und der einem hilft, Begrenzungen zu "nehmen". Die minimalistischen Übungen provozieren die Gehirnhälften, Lernprozesse in Gang zu setzen – und am Ende ist man überrascht, wie einfach die erste Übung jetzt ist, obwohl man doch scheinbar kaum was gemacht hat.
So leicht bewegen werden kann – so leicht kann leben werden. Wenn man sich seiner Möglichkeiten bewusst ist.
Ein Weg, um aus seinem Gefängnis herauszutreten. Neue Gedanken zu probieren. Alte Gedanken loszulassen. Probiers. So herum. Oder so herum. Probiers in Gedanken. Denk dir den Weg. Noch mal. Und dann tu es.




Dieselbe Sonne - dasselbe Fenster - ein anderer Weg.








Ganz nach Feldenkrais' Philosophie:
„Make the impossible possible – the possible easy - and the easy elegant.“
Das sollte wohl möglich sein.



Meine Wünsche an 2011, ein wenig verspätet:
- eine Katze (oder Hund)
- mit Pferden leben
- freundliche Menschen um mich herum
- mein Herzblut nur noch für meine Bücher

Das sollte wohl elegant möglich sein.

Tuesday, January 4, 2011

Die Sache mit dem Gold - A story of gold

Der Jahresbeginn scheint mit Gold gepflastert.
Weniger in der Börse *g* als vielmehr um einen herum.
Nachdem der Himmel sich nach einem kläglich verheulten Neujahr überlegt hat, seine Garderobe von grau-in-grau ins goldrote zu wechseln und offenbar sämtliche Sonderangebote bei Ost- und Nordwind dazu nutzt, die Klamotten im Drama-style aufzupeppen, tanzt das Licht nun Cha-cha mit sich selbst, boxt die Schatten und scheint sich vorgenommen zu haben, in den kommenden immer noch zwei dunklen Monaten tierisch en vogue zu sein.

Am Skogarfoss kitzelte es das abgestorbene Gras solange bis es aufleuchtete und die Geschichte vom Riesen erzählt, der unter dem Wasserfall eine Kiste Gold versteckt hat, die man nur sehen kann wenn das Abendlicht zur rechten Zeit im rechten Winkel ...
'Ba, Riese! Blabla', sagt das Licht. 'Das Gold hab ich ja längst!'
Das Gras staunt.
Der Berg guckt dumm, versucht sein Bestes, nochmal so richtig golden auszusehen, aber es endet in einer Art Kartoffelschalenfarbe. Verdutzt schaut er an sich herunter. Äh - hä?
Die Touristen wandern zurück zum Auto, Sandwich oder Lambalaeri, und wo fahren wir morgen hin?





Und das Licht tobt feixend los, die Kiste mit dem Gold unterm Arm, und weil es im scharfen Ostwind so wild vor sich hintanzt, verliert es die Kiste, der Deckel springt auf - und das ganze Gold verteilt sich über den Himmel, fließt in alle Richtungen, tropft in dicken, schweren Pfützen auf die Erde ... und wer es aufsammeln will, der muss sich beeilen, weil die Nacht schon vor der Tür steht.




Hier kann es schon spannend sein, nur aus dem Fenster zu schauen.

Saturday, January 1, 2011

Heimweh - homesick

Mein Jahreswechsel war, begleitet von fast frühlingshaften Temperaturen, ein gelungener und höchst unerwarteter Heimweh-crash.
Auf leisen Sohlen war es über die einsamen Weihnachtstage herangeschlichen und hatte sich einen Tag vor Silvester wie ein böser Alp auf meinen Rücken gesetzt. Dort klammerte es sich fest und hinderte am Atmen. Wer nicht atmet, kann sich nicht bewegen.
Heimweh ist ja eine derart emotionale Angelegenheit, daß man kaum dazu kommt, darüber nachzudenken, wonach man eigentlich 'weh' hat. Ein Ort? Ein Haus? Ein Mensch? Eine Situation?
Gedanken versinken in Tränen und Traurigkeit, man suhlt sich schneller als einem lieb ist in Selbstmiteid, findet sich dabei entsetzlich peinlich und ist trotzdem nicht in der Lage, Abstand zum Schmerz zu finden. Man kann gut alleine klarkommen - in der Situation des Heimwehs ist Einsamkeit jedoch pures Gift. Eine Erfahrung, die zu den unangenehmsten in meinem Leben gehört, und die ich niemandem wünsche.
Mein Heimweh bezog sich nicht auf den Verlust eines konkreten Heims, sondern auf den Verlust von Sicherheit und Geborgenheit. Sehr abstrakt und umso schwieriger zu händeln. Das Gefühl, Treibholz zu sein, nach dem sich niemand umschaut, nahm überhand und bevor die Lage gefährlich für mich werden konnte, hab ich das getan was irgendwie immer geht: ins Auto und fahren, so weit und lange wie möglich. Am frühen Morgen Richtung Osten, wo die Sonne aufgeht - irgendwann.
Gegen 10 Uhr kündigte sie sich an und färbte den Himmel rot - und sie versprach mir, sich an diesem Tag nicht hinter Wolken zu verbergen.





In Vík í Mýrdal wartete ich an der Kirche hoch über der Stadt, daß sie ihr Versprechen einlöst. Gegen 12 Uhr mittags färbte sie den Himmel lila und tanzte mit dem schwarzen Wolkenband über dem aufgewühlten Meer Tango. 'Komm!' rief sie 'am Strand ist was los!'






Das Brüllen der Wellen betäubte schlechte Gedanken, vertreiben konnten sie sie nicht. Die Sonne gab sich Mühe, legte Feuer an alles was brennt und ließ das Meer im Licht auflodern. Es wehrte sich, kämpfte sich erbittert den Strand hoch und rutschte mit Sand zwischen den Fingern wieder herab, um dem Sonnenlicht erneut ausgeliefert zu sein.
'Mir entkommst du nicht,' grinste sie. Und entfachte kurzerhand an der Bucht ein zweites Feuer, dem sich die Wellen ergaben. Sie trugen die Glut an die Felsen, wo sie aufbrannte und von der Sonne gestreichelt friedlich verlosch.






Über Drangsey verabschiedete die Sonne sich von mir in einem theatralischen Finale und trug mir auf, dieses Licht mit ins neue Jahr herüberzunehmen.
Es ist in meinem Herzen, und irgendwann wird es auch für andere wieder ausreichen.





Der Herr ist mein Hirte, ich leide nicht Not,
auf grünender Weide lässt er mich lagern.
Er führt mich an Wasser der Ruhe
erquickung spendet er meiner Seele.
Und muss ich auch wandern im finsteren Tal,
ich fürchte kein Unheil,
denn du bist bei mir.
(Ps. 23)
Allen Lesern ein gutes und glückliches neues Jahr, mit genügend Licht in den Augen und im Herzen.