Sunday, November 28, 2010

Blá - Blue - Blaumachen

Gestern haben wir uns ein kleines bisschen Luxus gegönnt und das getan, was kein Isländer macht: wir sind in die Blaue Lagune gefahren um uns von Sonne, Nebel und heißem Wasser verwöhnen zu lassen.
Nach einer nicht so prallen Woche ist heißes Wasser genau das richtige, um die Sinne wieder auf Vordermann zu bringen. Dank der "richtigen" Karte gingen wir drei Mädels als Isländerinnen für 1500 Kronen durch die Kasse - mir glaubt man die Wikingerbraut vermutlich auch ohne daß ich den Mund aufmachen muss.






Glücklich: drei Nebelnixen



Die Nebel über dem weißen Wasser steigen vor den Blick und ins Gehirn, wenn man sie lässt, und sie helfen tatsächlich dabei, das Leben ein wenig unschärfer zu sehen. Ohne Ecken und Kanten im Blick relativiert sich vieles - vielleicht der eigentliche Grund warum man dieser Lagune so erfrischt an Körper und Seele entsteigt.



Und wer hier in den Nebeln keine Elfen sieht, dem ist wirklich nicht mehr zu (h)elfen ...





Thursday, November 25, 2010

am Ufer ...

... scheint es uferlos zu sein - Farben und das was der Frost erschafft, um die Phantasie anzuregen und trüben Gedanken eine andere Wendung zu geben.
Wie bescheiden es auch manchmal gehen mag - ein Gang am Ufer der Thjorsá erdet einen und spendet neue Kraft, so wie es früher die Spaziergänge mit meinem Pferd vermochten.
Den vermisse ich grad sehr, aber Vermissen gehört zum Leben dazu, so wie verlieren, wiederfinden und behüten.

'Ich bin nicht tot, ich bin nur anders' sagt das abgestorbene Gras und reckt sich trotzig in den Novemberhimmel.




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Hunde fand ich, als zarte Eisplätzchen im Spiel erstarrt - Momentaufnahme von Fröhlichkeit.




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Ein Verführer ist das Eis - was samtig-weich aussieht, ist dennoch kalt - und morgen vielleicht schon weggeschmolzen.


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Und Sommerträume liegen erstarrt auf dem Weg, bis die Frühlingssonne sie auftaut und sich aus den Steinchen was Neues bastelt.







Tuesday, November 23, 2010

filmreif

So manches was man hier erlebt, ist filmreif.
Da kann Babe, das Kalb, nur lachen.
Zustände ändern sich über Nacht - gestern war ein Hund noch ein Haushund, der nicht mit anderen Hunden spielen durfte, weil er nur dummes Zeug lernt, heute muss er sich draußen leben weil er ein Hofhund ist. Und morgen geht er dann vermutlich weg, weil er nur dummes Zeug im Sinn hat.
Andere merkwürdige Umstände ändern sich nie, zB daß bei dem seit Tagen andauernden Wintersonnenwetter niemand ein Pferd benutzt.
Würde man nachfragen, bekäme man zur Antwort, naja, im November ist normalerweise Sturm und Regen oder Schneesturm, kein normaler Mensch reitet da.
'Normalerweise' scheint aber grad aus zu sein, weil das Wetter hervorragend ist. Isländer reiten nur im Sommer. Außerhalb des Sommers 'trainieren' manche. Vor allem aber 'haben' sie Pferde.
Ich bin natürlich froh, daß niemand unterwegs ist, mich würden Reiter eh nur frustrieren weil ich in Ermangelung von Pferd und Gesellschaft zum Reiten ja immer nach Deutschland fliegen muss, was zugegebenermaßen ein wenig umständlich ist.
Babe das Kalb findet das alles äußerst filmreif. ;-)
Babe hat mich aber überzeugt und so habe ich begonnen, ein paar der Geschichten aufzuschreiben.




Apropos Film.
Yrsa Sigurdardóttirs Bücher sind nun als Drehbücher nach Deutschland verkauft worden. Krimis gehen immer (und ihre Romane sind im Gegensatz zu anderen isländischen Krimis lesenswert).
Realsatire vermutlich weniger. Dabei ist Realsatire noch viel schräger als es jede konstruierte Geschichte sein könnte.
Ich schicke aber tapfer meinen Islandroman "Der letzte lange Sommer" immer mal wieder an Filmproduktionsfirmen, im Bewusstsein, daß man ohne Vitamin B(eziehung) sowieso niemals verfilmt wird, aber ich finde weiterhin, daß man daraus einen Film machen sollte.
Da gäb es noch viel mehr zu erzählen.

Einstweilen drehe ich meine Runden über die Weide, wo das Fohlen in Gesellschaft zweier Wallache wächst und gedeiht, ein dichtes Puschelfell entwickelt hat, für einen Winter, der hoffentlich nicht kommt, und mit der Sonne eine Wette am laufen hat, welche Farbe sein Fell wohl eines Tages haben wird ....
Ich weiß es.
Eine wunderschöne :-)





Monday, November 22, 2010

bright day

Für alle die sich fragten, wie das eigentlich mit dem Licht hier so ist.

Untiges Foto hab ich heute morgen so gegen halb 10 aufgenommen. Hell war es schon seit 9 Uhr, aber die Sonne verbarg sich in einem dicken gelb-orangen Gürtel hinter den Vulkanen, während auf der gegenüberliegenden Seite der Vollmond aus einem rosa Nest in mein Küchenfenster lugte.
Um 10.30 Uhr begann die Sonne, den Himmel hinaufzuklettern. Sie tut das gemächlich und schafft es nicht bis ins Zenit, und so ist der Winter die Zeit, wo ihr goldenes Licht immer wieder über den Rand auf die Erde fließt und alles in die warmen Farben taucht, die ich so liebe.





Wir nutzten den Tag, um noch mal nach Thjorsádalur zu gehen und die Winterfarben zu genießen. Der Wald dort ist das beste Mittel für und gegen alles.
Die Farben sowieso.





Die Hunde genossen den Ausflug in vollen Zügen - und ich danke Gott, daß er Gosi und mir einen so wunderschönen letzten Tag geschenkt hat, denn der Hund muss unser Haus leider verlassen.
Das war absehbar weil in diesem Haus alles gehen muss und nichts bleiben darf - trotzdem verliere ich einen Freund.



Island - Eis-land.
Mancher in diesem Land hat einen Eissplitter im Herzen sitzen, und die Wintersonne ist zu schwach um ihn zu schmelzen.







Saturday, November 20, 2010

Wartezeit ...

... so langsam beginnt es, das alljährliche Warten auf die tollen Tage. Hier in Island hat man schon viel früher weihnachtliche Gefühle, einfach weil es früher dunkel wird und mehr Kerzen brennen und in Selfoss dieses Jahr wirklich jedes Haus aussieht wie ein Weihnachtsbaum.
Kreppa? Gibbet nich mehr.
Vielleicht ist Kreppa auch vor dem Angriff der Weihnachtslichter geflohen.
Hier im Dorf sind wir moderat und beginnen mit einem (1) Licht.




Wo ich Weihnachten verbringe, weiß ich noch nicht, und es ist mir bislang noch relativ egal.
Als Alleinstehender im Alter wo andere Familie haben, fühlt man sich überall wie das fünfte Rad am Wagen und überlegt, ob Feiern eigentlich überhaupt sein muss. Hier in Island, dem Familienland per se, besteht für mich die Möglichkeit, mit Hund und 5 Pferden zu feiern. Das hatten wir noch nicht und es ist eine interessante Perspektive.

Ich war dennoch ganz hausfraulich auf einem Kranzbindeabend, wo es einen kleinen Zweig Tannengrün für luxuriöse 700 ISK zu kaufen gab, aus dem man dann sparsam einen Kranz gewunden hat. Die Leute staunten, wie schnell die Frau aus dem Tannenland ihre Kränze fertig hatte, die Frau aus dem Tannenland staunte, wie teuer das Grünzeug samt vorweihnachtlichem Zubehör auf der Lavainsel gehandelt wird ... da vergeht einem das Basteln fast.
Die schwierigen Dinge - wie Zahlen - lasse ich eh machen, mit Zahlen hab ich keinen Vertrag ;-)
Hier sieht man Fanny beim Malen von vorweihnachtlichen Zahlen ;-)



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Und dann war da noch der Hund.
Man vergisst sowas ja leicht - aber der Hund ist noch kein Jahr alt und er kennt keinen Winter, keinen Wald, keinen Schnee, kein Eis - kein Meer.
Heute hab ich ihn ans Meer gebracht und die beiden pöbelten sich an wie zwei echte Kerle - leider zog der Hund den Kürzeren, weil das Meer am längeren Hebel sitzt.
Morgen probieren wir mal Wald aus.
Und man darf gespannt sein, was der Hund zu Weihnachten sagt.
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Monday, November 15, 2010

Der Eiskünstler - the ice artist

Ein befreundeter Künstler ist wieder da - wir hatten im vergangenen einsamen Winter so manches gute Gespräch über Bilder gehabt, über Vergänglichkeit und Formationen:
Väterchen Frost.

Still zieht er auch dieses Jahr übers Land. Mit seiner Schleppe drückte er sanft die Vegetation zu Boden, damit sie keinen Schaden am Winter nimmt. Seine weiße Hand streicht mit kühler Zärtlichkeit über Steine, Moos und Bäume und verleiht ihnen jenen Silberschimmer, den nur das Wintersonnenlicht sichtbar machen kann.

Ein Sandsturm hat meine Thjorsá in ein bizarres Kunstwerk verwandelt. Des Künstlers Hand modellierte ihr eine frauliche Corsage aus Eis an, rotbrauner Sternenstaub krönt das Werk.



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Und verträumt hängen die Finger meines Künstlerfreundes über das klare Wasser ...
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In ungestörten Stunden backt er filigrane Plätzchen ans Ufer, so fein, daß eine Stunde zuviel Sonne sie zerstört.
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Die allgegenwärtigen Pferde genießen die wenigen wärmenden Strahlen der Wintersonne, die alles in einen Rotschimmer taucht und aus der trüben Farblosigkeit befreit.
Ich wünsche mir ihre Fähigkeit, hinzunehmen, keine Wünsche zu haben, frei im Herzen zu sein.

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Mir fehlt mein Pferd.
Ihn zurückzulassen hat ein tiefes Loch in mein Herz gerissen.
Mir fehlen die sorglosen Stunden mit ihm, das Gefühl, getragen zu werden, der weiche Rhythmus seiner Schritte.
Mir fehlt unser Zwiegespräch, sein flinkes Maul auf der Suche nach Leckerlis.
Mir fehlt sein Blick, sein freundliches Brummeln - mir fehlt seine Freundschaft.

Thursday, November 11, 2010

home ...

Von Mal zu Mal freut man sich mehr, von mal zu Mal geht einem das Wort "nach Hause" freier von den Lippen, obwohl man das immer noch auch für die Gegenrichtung benutzt.
Also ist es wohl so - es gibt da zwei Zuhauses, eins, das man nicht vergessen kann, und eins mit Ecken und Kanten.
Ich bin sehr müde nach Island zurückgekehrt. Ein Buch abgeben ist wie eine Geburt, es tut weh, die den Schmerz begleitenden Glückshormone lassen einen überleben, und danach ist man glücklich, aber erschöpft. Eine ungewisse Zukunft trägt nicht gerade dazu bei, Müdigkeit mal eben überrollen zu können, wie das noch vor 10 Jahren ging.

Island empfing mich mit ruhiger Freude. Ein bisschen Schnee, ein bisschen Wind, schlafende Natur. Die Vögel verstummt, Pferde dick eingepackt, Heu auf den Weiden - Winter.





Mein zweiter Winter auf der Insel - immer noch keine Angst vor Kälte und Dunkelheit, immer noch kein TV, immer noch keine isländischen Bekannten, immer noch spreche ich englisch - und verstehe aber inzwischen fast alles auf isländisch, obwohl ich es endgültig aufgegeben habe, die Sprache aktiv zu lernen.
Wenn man mich zwingt, wie kürzlich der Typ von N1, der vorgab, mir eine Autobatterie nur auf isländisch verkaufen können, kann ich sogar den Mund aufmachen, es fällt zwar schwer, weil ich aus Mangel an Gelegenheit nicht rede, aber für rudimentär reichts.
Ich hab gelernt alleine klar zu kommen, hab einfach drauf los gelebt und irgendwie geht das wohl, manchmal ist es sogar richtig lustig, Ausländer zu sein, vor allem wenn man immer mehr Gesprächen folgen kann.
Man kann durchaus neben einer Gesellschaft leben, wenn es sein muss.



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Je länger man hier ist, desto besser versteht man, was Isländer und Deutsche trennt, und daß eine Landkarte nicht ausreicht, Menschen zusammenzufassen. Sitten und Traditionen hier haben sich auf eigene Weise entwickelt, und vielleicht muss man noch ein paar Jahre hier sein um zu verstehen, warum es so schwer ist, Kontakt zu finden, wenn man nicht liiert ist.
Und vielleicht erkennt man dann (nach ein paar Jahren) noch besser, was uns so ähnlich macht.
Einstweilen heißt es sich wundern und weiter forschen - so wie Gosi, der jeden Tag eine neue Welt entdeckt und sich nur selten langweilt ;-)
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Und so hat schließlich auch mich die Wolle erfasst - obwohl ich nie eine Strickliesel war.
Aber einmal am Plötulopiregal vorbeigegangen, einmal über die dicken weichen, kreischbunten Rollen gestrichen, und ha! - man ist verloren. So ein Pullover hat übrigens starke Ähnlichkeit mit einem Buch - vielleicht hat er deswegen reelle Chancen, fertig zu werden.
Stricken ist nicht die schlechteste Beschäftigung für lange Abende in Gesellschaft von Tee und Kerzen ;-)