Friday, October 22, 2010

welcome to ...

Absurdistan. Teil II.
Am besten übersteht man das, wenn man täglich übt dabeizusein. Indem man Rateshows ohne Ton im deutschen TV anzuschaut. Oder nur eine halbe Stunde Werbung, über Joghurts mit Zauberkräften, artifizielles Essen, grünkariertes Waschmittel oder dauernaturfrische Klosettschüsseln.
Oder wenn man einfach blauer Wikinger wird - die vermutlich simpelste Lösung. Könnte mir gefallen.




Heute erlebt in einem Lederbekleidungsgeschäft, oberes Preisniveau.
Mutter und möglicherweise fast volljährige Tochter, beide nicht sparsam ausgestattet und behängt wie Weihnachtsbäumchen, kleiden sich ein. An der Kasse fällt für zwei Jacken, zwei Reithosen, zwei Hüte, alles aus handgeklöppeltem Leder, die Preisziffer 750. Die Verkäuferin greift zum Telefon - offenbar ein ausgehandelter deal - und ruft den Chef an, der auf der Messe ist.
"Also - hier steht eine alleinerziehende Mutter, blabla, die blabla gekauft hat für blabla - ist da was drin?"
Ja - eine Jacke war drin, die gabs umsonst. Und dann ging Fräulein Tochter auf die Kundentoilette mit den Worten "Wer weiß wo Mama noch überall hin will".
Ich hab mich diskriminiert gefühlt, weil mir auf dem Weg zur Kasse mangels Kind kein echter Grund eingefallen ist, warum meine Hose nur die Hälfte kosten sollte. Ich war mir allerdings auch nicht sicher, ob ich mir mit einem Kind solch einen Kaufrausch wie die beiden hätte erlauben können. Keine Ahnung.
Und wenn, dann hätte ich mit Sicherheit nicht meinen Familienstand zur Hilfe genommen um den Preis zu drücken ...

Passend dazu fällt mir dieses Foto aus Kopenhagen in die Hände, der alte Herr hatte zwar Hochwasser und keine Zähne mehr, doch er konnte die gesamten Texte von "Get your kicks on Route 66" und "Sweet home Alabama" mitsingen.




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Das einzig Wahre und Ehrliche im Leben ist eh schwarz.



Oder rot.
Wie die Liebe.
Deren stille Sprache gestern in der Dokumentation über Helmut Schmidt und seine gerade verstorbene Frau Loki das Herz tief berührte ...

Thursday, October 21, 2010

im Land des Überflusses ...

Germany's calling ...
Nach dem unschönen Ende einer netten Reise (die Mietwagenfirma möchte die gesamte Selbstbeteiligung für einen 10 cm langen durch Vandalismus verursachten Lackkratzer haben, was den Kratzer damit teurer als meinen gesamten Deutschlandtrip inclusive Mietwagen macht und mich entsprechend verständnislos und zornig - NIE WIEDER Mietwagen!!) ...
... strandete ich in Hamburg und begann mich ob Menschenmassen und Lärm immer unwohler in meinem Land zu fühlen ...









Vielleicht ist es auch mein böser selektiver Blick, der gnadenlos die Absurditäten des europäischen Überflusses herausfiltert, an denen er sich reiben kann ...




(Fohlendecke, für ein Tier welches Fell hat - Obdachlose haben kein Fell, aber auch keine 30 Euro)



(Hundeleinenwahn. Hirschleder, Kalbsleder, feinstes Elchleder, mit und ohne Straß...)

..., und mir leicht verständlich begründet, warum es schlau ist, so bald wie möglich wieder in das Land zurückzukehren, wo Hunde keine Ohren in speziell für sie eingerichteten Supermärkten kaufen müssen.







... und wo man nicht auf die Idee kommt, teure Delikatessen putzig eingetütet an Hunde zu verfüttern, weil man nicht mehr weiß, wohin mit dem Überfluss.




Ein Volk, dessen Haustiersupermärkte so groß sind wie Lebensmittelmärkte, und ähnlich gut besucht, kann wohl nicht von ernsthaften Sorgen sprechen.

Tuesday, October 12, 2010

Bavaria - Bayern

Wer die Schreiberin kennt, ahnt bereits, daß sie das Flugzeug trotz der Nachtschicht um ein Haar verpasst hätte. Mein Schutzengel ist jedoch gut im Training (solange man nicht von ihm verlangt, Formulare oder Telefonanrufe zu überwachen) und so erreichte ich den Kontinent unversehrt, schlief ungeplante 13 Stunden am Stück durch, nahm meinen Mietwagen erst am frühen Abend in Empfang, brauchte eine ganze Stunde um aus Hamburg herauszufinden und startete eine weitere Nachtschicht auf deutschen Auobahnen, hinab ins allertiefste Bayern, um in Buchklausur zu gehen.

Unschwer zu erkennen, daß man sich in Bayern befindet. Mein Blick scheint durch Island verändert zu sein. Drangvolle Enge und barockes Schmalzgedödel wirkt erschlagend.
Weswegen ich mir hier in Beilngries bei Optiker Ibrom, der so nett plaudern kann ;-) erst mal ne schwarze Sonnenbrille gekauft hab - die lindert das Gold und schont das Hirn.





Gott indes ist allgegenwärtig.



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Bier auch.



Und heilige Ordnung erst!




Friday, October 8, 2010

nótt - Nacht

Sjaumst ...........




In eineinhalb Stunden muss ich mich auf den Weg zum Flughafen machen - "Taxi sjálfur" fährt, weil der Nachbar dann doch zu müde war - und weil ich sowieso nicht schlafen kann, bin ich einfach aufgeblieben und das war ne gute Idee.

Seit jeher war verreisen ein Gräuel für mich. Gings ans Kofferpacken, kam regelmäßig der Gedanke 'hier isset doch auch schön', man verlangsamte seine Aktivität bis sie schließlich erstarb. Was meinen Mann regelmäßig zur Weißglut getrieben hat.
Waren wir einmal on the road, war alles gut. Doch der Weg bis dahin ist so weit - auch heute.
Gegen Mitternacht war dann vorhin tatsächlich der Koffer lustlos gepackt, da schaute das Nordlicht zum Fenster rein, als wolle es mich belohnen.

Magst nicht rauskommen? Ich spiel dir was vor. Ich tanze für dich, ich singe stumm für dich, ich mach dir die Nacht hell und die Zeit kurz ... vertreib die trüben Gedanken, die Trauer, die Sehnsucht, die Falten in dein Gesicht gräbt, ich werf ein feines Netz aus Träumen über dich und zaubere ein ungläubiges Lächeln in deine Augen ... komm raus ...

Ich bin wie so oft zum Urridafoss gefahren, hab mich dort in den Schlafsack gemummelt und Nordlicht und Sterne geguckt, bis die Nase zu kalt war. Egal - das Nordlicht hat sich wie ein grünes Band über den Geist gelegt und man nimmt es mit und zehrt davon.
Die Reise wird nur noch halb so anstrengend wie ich denke ;-)

Und es ist gut, daß hier jemand auf mich wartet ...

Sunday, October 3, 2010

one year - ein Jahr

Vor genau einem Jahr bin ich mit meinem Auto von der Fähre gefahren, 700 Kilometer über Schotterpisten und durch einsamste Gegenden nach Westen gepilgert und abends am Haus mit den starken Bäumen angekommen.
Dort lebe ich immer noch.
Ich war zwischendurch immer wieder in Deutschland, um zu merken, daß ich dort keinen Platz mehr habe - und trotz allem, was hier unter den Bäumen so an Schwierigem passiert, ist dies mein Zuhause.
Manchmal passieren auch schöne Dinge - während ich dies tippe, singt mein Hausgenosse im Zimmer unter mir seinen neusten song, einen Ohrwurm, den ich seit Tagen mit mir herumtrage, und mit dem ich nachts einschlafe, weil er das letzte ist was ich höre.
Ohrwurm heißt auf isländisch "grípandi lag" - packendes Lied. Das tut es.




Die Sonne gibt sich Mühe noch mal alles mit Gold zu übergießen und anzuzünden, damit es einem das Herz auf Vorrat wärmt, wenn der Winter kommt.
Sie färbt Blätter und Gras, Haare und vielleicht auch den Blick. Sie färbt ihn mit Zuversicht hellblau und wirft eine handvoll Hoffnungsglitzer darüber. Und wenn man den Blick nicht senkt, bleibt der Glitzer haften, und alles wird gut.





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Island macht daß man wächst.
Man wächst an Schönheit, an Stille, aber auch an der Einsamkeit, die ihren Schrecken verliert, weil sie hier geboren ist - hier macht es Sinn, daß man einsam ist, und es tut nicht mehr so weh.
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Der Ohrwurm bleibt hängen und überdauert auch den Wind.
Er handelt auch von Einsamkeit, aber traurig klingt er nicht.
Island macht daß man wächst.