Sunday, August 29, 2010

fire - Feuer

Auch wenn man 45 Jahre zählt, ist man noch in der Lage, verrückte Dinge zu tun. So verrückt wie vor 20 Jahren, als wir mal eben für ein Wochenende an die normannische Kanalküste gefahren sind, eigentlich nur im Auto gesessen - aber das Meer geschmeckt haben.

Gestern gabs an der Jökulsárlón ein Feuerwerk, zum 11. Mal in Folge setzten die Björgunarsveit die romantische Gletscherlagune am Vatnajökull unter farbigen Beschuß. Letztes Jahr waren an die 1500 Menschen dort gewesen - klar mussten wir da hin. 350 km sind doch ein Pappenstil für eine alte long-distance-driverin wie mich.
Ok - und 350 km wieder zurück ;-) ... mit brauner Brause geht alles.

Island wusste uns zu entschädigen für die vielen Kilometer.





Auf der Ringstraße 1 herrschte schon verhältnismäßig dicker Verkehr in Richtung Osten, wir wussten uns also in guter Gesellschaft auf den endlos einsamen Strecken hinter Kirkjubaearklaustur, wo nur noch Sandereinöde vor einem liegt (Stichwort Pannenhilfe), und wo das Licht so langsam hinter den Bergen verschwand. Das Land wurde immer einsamer, immer langweiliger (mal im Ernst, die Strecke ist sogar totlangweilig), doch der große Gletscher hatte sich zur Feier des Tages eine rosafarbene Mütze angezogen, fertig zur lagoon-parade, wo es ja noch viel bunter werden sollte.

An der Lagune bot sich das übliche isländische Bild: unzählige Geländeautos nebeneinander aufgereiht, bereit zum car-sightseeing, wie es an den Turnierbahnen üblich ist. Kaum Menschen, kaum Party. Nicht mal ne Pylsu-Bude, mit der ich fest gerechnet hatte (überall wo mehr als 20 Wikinger aufeinander treffen, gibt es doch irgendwas zu essen und zu trinken). Zum Glück hatten wir uns an diversen Tankstellen mit pylsa und Eis bereits versorgt. Allerlei Stative standen an den Felsen, schwerstes Kameragerät wurde aufgefahren, um uns herum vor allem englische Zungen. Die meisten Wikinger indes saßen in ihren Autos. Immerhin stiegen sie, als es losging, aber aus und reihten sich mit Kind und Kegel am Ufer auf.

Für ein Feuerwerk aus deutschem Blickwinkel (Rhein in Flammen, Annakirmes) war das ne erstaunlich lahme Veranstaltung, fand ich, denn das Publikum reagiert kaum auf das Knallwerk. Das Feuerwerk wurde zur Kenntnis genommen. Merkwürdige Erfahrung.
Rheinländer wissen immerhin wie Picknickparty geht - wir machten es uns mit Isomatte, Schlafsack und Decken bequem und genossen das Feuerwerk im Eis trotz der Kälte mit alkfreiem Sekt und Beerenpfannkuchen mit fetter Sahne.
Und es war rundum geil ;-)




Blutbad an der Lagune *g*


es wurde immer schräger ...



... und dann war es vorbei - die Wikinger sprangen fast ohne Applaus in ihre Autos und düsten davon.

°°

Ernsthaft.
Der riesige Platz leerte sich innerhalb von Minuten - niemand blieb lange stehen, zu kalt oder so.
Die Party fand wohl woanders statt.
Die Reste des Feuerwerks waren für die Standhaften ;-)
Und in der Hütte, wo es neben einer Toilette auch heiße Schokolade gab, traf man lauter deutsche Touristen, die gemütlich noch ein wenig zusammenblieben, wie man das so tut, wenn man was schönes miteinander erlebt hat.





Ich werde vermutlich niemals begreifen, warum in diesem Land Leute nach dem Essen aufspringen und Teller in die Spüle werfen, oder Ereignisse wie diese fluchtartig verlassen.
Ist es der Vulkan, der jederzeit ausbrechen könnte?
Vielleicht macht wirklich das Bewusstsein, Spielball der Natur zu sein, die verträumte isländische Seele gleichzeitig so rastlos ...

Der Heimweg nach einer heißen Schokolade war ziemlich dunkel und ziemlich einsam (nur Idioten wie wir fahren ja sofort wieder 350 km zurück) - jedoch nicht ohne Zauber, denn die isländische Nacht hielt Polarlicht und Sternschnuppen für uns bereit.
Wir überholten deutsche Trabbis, spielten das Spiel "Bullen vor uns oder nicht?" und als gegen 4 Uhr am Horizont die ersten Morgenlichtstrahlen blinzelten, wussten wir daß sich dieser hirnrissige night-trip - Müdigkeit und Arbeit hin oder her - absolut gelohnt hatte. ;-)

Friday, August 27, 2010

promises - Versprechen

Gestern hab ich mir zwei Stunden gestohlen, um ein fotoshooting der speziellen Art zu machen: ein Flitterwochenpaar hatte keine Mühen gescheut, Brautkleid, Seidenanzug und Zylinder nach Island zu schleppen, um sich in den Nebeln des Geysir ablichten zu lassen.

Wir sind also in voller Montur an Islands erste Touristenadresse gefahren, und zogen an Heerscharen von Menschen die weiße Schleppe durch den heißen Sinter, ohne daß es kitschig wirkte. Glückwünsche regneten auf die beiden herab, ebenso wie kleine Geschichten, und viele fragten, ob sie ein Foto machen dürfen, eine so hübsche Braut, mitten in Island ...
Nein, es war ganz und gar nicht kitschig.

Eine Braut in weißem Kleid zaubert den Menschen ein ganz besonderes Lächeln ins Gesicht, ganz gleich wie grimmig sie auch dreinschauen, wie unzufrieden sie gerade sind oder wie schlecht sie geschlafen haben.
Eine Braut im weißen Kleid balanciert den Traum vom Glück auf ihrem Schleier. Er schwebt still an uns vorbei, und wir erinnern uns daran, wie es damals gewesen ist.
Wie sich das Glück angefühlt hat. Der Ring am Finger. Das weiße Kleid auf der Haut. Die darin verwobene Erwartung, die Hoffnung, Freude.
Ewigkeit zu atmen. Freiheit in Händen zu halten. Wie einen kleinen Vogel, den man nicht quetschen und nicht einsperren darf, und der umso schöner wird, je mehr Raum man ihn lässt
In guten wie in schlechten Zeiten, bis ans Ende eurer Tage.

Alles Gute euch beiden!!!





Lebensuntüchtig und sentimental wie ich nun mal bin, ging mir die Sache noch lange nach und ich war froh, mich abends zusammen mit unserem neuen Hausgenossen zwischen Gräsern austoben zu können.
Gosi ist ein "chien-deux-étages" - ein Hund, der auf zwei Etagen lebt.
Und wie Hunde so sind - er liebt jeden von uns beiden für etwas anderes.



Heute ist wieder so ein Tag so blau und sonnig, wo ich bis ans Ende der Welt reiten könnte - ohne zurückzukehren.
Zum Glück gibts kein Pferd und meine Reithose habe ich auch weggeschmissen.
.
Gosi findet das cool. :-)

Wednesday, August 25, 2010

moments - Momente

Gestern begann mein Morgen mit einer unvergesslichen Szene: ich zog um halb 8 die Gardinen auf und sehe, wie auf der Wiese vor unserem Haus ein frischgeborenes Fohlen versucht aufzustehen. Die Beine sind wie dünne Spinnenbeine und auf jeden Fall viel zu viele, sie gehorchen nicht und knicken immer weg. Doch das Fohli gibt nicht auf und versucht es solange bis es steht. Wackelnd. Unsicher. Äääähhh ...
'Du kannst das' Und das schwarze Fohlen von vor zwei Wochen kommt und stubst den Frischling an. 'Komm, ich zeig dir wie das geht'. Und Schritt für Schritt geht es neben dem Winzling, berührt es immer wieder aufmunternd mit dem Maul und zeigt ihm, wie man die vielen Beine sortiert, während die Mama auf der anderen Seite folgt.
Das schwarze Fohlen eskortiert Fräulein Winz hin und her, bis die Beine verstanden haben, wofür sie alle gut sind und keine Dummheiten mehr machen.
'Siehste, jetzt kannste es,' sagt das schwarze Fohlen und geht weg.
'Bist du meine Mama?' ruft Fräulein Winz und stakst dem schwarzen hinterher.
'Nee, ich!' ruft die Stute und eilt ihrem Fohlen hinterher. Doch es dauert noch eine ganze Weile, bis Fräulein Winz die Milchbar gefunden hat.
Leider weiß es ja nicht daß es genauso wie die Mama aussieht.







Manche Momente im Leben sind ein Geschenk.





Thursday, August 19, 2010

colours - Farben

Es fühlt sich merkwürdig an, daß ich das düsterste Kapitel in Tagen mit goldenem Licht bearbeite - als ob Gott mir zeigen will, daß es den Teufel nicht gibt.
Zwischen Exorzismustexten und den Szenen der Apokalypse winkt er mir aber zu, und wenn ich den Druck nicht mehr aushalte, gehe ich nach draußen und trinke bei den Pferden Licht und Farben. Das hilft gegen die Dunkelheit, und mir helfen die Pferde gegen alles.






Farben legen sich über das Auge wie ein Schleier, weich und sanft, und sie nehmen einem ein Stück weit die Sicht .... oder schenken sie eine neue Sicht?
Die Sicht auf Vergangenes verändert sich, Jemand setzt den Weichzeichner ein, benutzt Wasserfarben in Pastelltönen, um das Auge nicht zu stören.
Vielleicht mit ein Grund, warum Island so gut tut.
So hart das Leben auf dieser Insel auch ist - irgendwas besänftigt auf beinah kindliche Art und Weise immer das Gemüt.




Doch der Schleier trennt auch.
Das berichten alle, die länger hier sind. Kontakte reißen ab, Leute werden träge, man schreibt nicht mehr, telefoniert nicht, das Leben daheim läuft ja weiter - und die Insel mit dem, der gegangen ist, entfernt sich immer mehr. Irgendwann hört man selber auf zu schreiben, weil man glaubt, entweder zu langweilen oder Neid zu wecken. Oder weil es selbst für das Denken zu weit weg ist.
Ich hab mich mit vielem hier abgefunden - aber damit bin ich noch nicht fertig.
Ein Leben im Ausland ganz alleine zu schaffen ist eines - die Verbindung nach "zuhause" zu verlieren ist was anderes und ich bin dankbar für jeden noch bestehenden Kontakt.


Aber am Ende ist auch das eine Farbe.

Wednesday, August 11, 2010

peace - Frieden

Für mein fragwürdiges Talent, Dinge auszublenden, die mir nicht gut tun, hassen mich manche Leute (wobei ich Konsequenzen stets mit erhobenem Haupt trage).
Der aus dem Ausblenden resultierende Friede ist dann kein falscher Friede, wenn man in der Lage ist, den friedlichen Moment als solchen zu erkennen und als Geschenk anzunehmen - und nicht etwa schon rastlos an den nächsten Moment zu denken oder an was-ist-wenn, wie-soll-das-bloß-gehen und hilfe-ich-schaffs-nicht.
Täte ich das in der momentanen Stresszeit mit extremem Schlafmangel und zu wenig essen, wäre der Wahnsinn in der Tat nicht mehr fern.

Den Moment in die Hand nehmen ist wieder eine Lektion, die ich von den Pferden gelernt hab.
Der meditative Schritt in sich hinein ist der Schritt in die Freiheit, mit der Mähne im Wind - oder so großer Ruhe, daß Leute in meiner Gegenwart einschlafen.
Den einen (zweibeinigen) ist das peinlich. Ey. Muss es wirklich nicht.
Den Vierbeinern ist es überhaupt nicht peinlich.

Ich war heute bei ihnen auf der Weide, kraulte sie, und wir dachten wie immer ... nichts.
Leise weht der Wind durch Haare und Mähnen und durch das hohe, blühende Gras, die Sonne versteckt sich hinter einer hauchdünnen Schleierwolke, damit sie nicht blendet - Frieden war.
Ich setz mich ins Gras. Schließe die Augen, bin wach, aber woanders.
Da lässt sich mein Jährling dicht neben mir fallen, gähnt, juckt sich mit der Nase am Bein - und schläft kopfwackelnd ein.
Kurz darauf dreht sich auf der anderen Seite die Jungstute dreimal im Kreis - und macht es sich im Gras bequem.
Ein unglaubliches Gefühl von Sicherheit und Friede liegt über der Gruppe - und als ich gehe, bin ich so erfrischt wie von einer halben Nacht schlafen.





Sunday, August 8, 2010

home - Heimat

Hemma är mer en kännsla - Heimat ist mehr ein Gefühl, schrieb eine schwedische Freundin in ihrem blog. Und recht hat sie.
Heimat hat nichts mit Orten oder Häusern zu tun, eigentlich ist es egal, wo das Bett steht, ob in einem Palast oder unter einer Brücke. Solange die Heimat nicht im Herzen ist, hängt man in der Luft. Ich hab einmal alles verloren und werde hier wieder alles verlieren, und wie schwer es ist, bei sich zu sein, hab ich gemerkt, als meine Schwester gestern nach Hause geflogen ist. Seitdem hab ich Heim-weh und weiß aber nicht wonach, weil ich in Deutschland ja schon lange kein Zuhause mehr habe.
Hemma är mer en kännsla - ein Gefühl des Geborgenseins und der Vertrautheit - und Fehlanzeige auf dieser Insel, wo man immer Fremder bleibt, weil Isländer wissen wie man Fremde draußen hält.

Also lerne, dir selber Geborgenheit zu geben. Jemand anderes wird es nicht tun.
Diese stille Insel ist genau der richtige Ort dafür.





Heimat ist ein Gefühl.




Was zuverlässig gegen alles hilft: Pferde.
Sie sind immer da, sie hören immer zu, sie haben immer Zeit, sie geben, sie schenken, wenn man sich selber schenkt.
Ich möchte nie mehr ohne Pferde sein.




Thursday, August 5, 2010

von Schein und Sein

Dem Betrachter bieten sich Anblicke - und Anblicke.
Es steht ihm frei, zu sehen oder interpretierend zu sehen - hier in Island besonders spannend, weil sich alles jeden Moment zu verändern scheint und doch Ewigkeiten anhält. Berge. Wolken, Wasser. Steine.
Es gibt keinen Grund, in einem Stein etwas anderes zu sehen als einen Stein - außer man sieht den Stein dahinter.
Vielleicht ist das das wirklich Spannende an dieser Insel: alles hat einen zweiten Aspekt - wenn man genauer hinschaut. (fast alles)






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Bisweilen ist dieser Aspekt eine Gratwanderung - zwischen Realität und Wahnsinn.
Ist es so? Oder bilde ichs mir nur ein?
Ich hab die Gratwanderung auf dem Kraterrand von Heimaey sehr genossen: Teil der Insel - Teil des Veranstaltungsortes Versulumannahelgi - Teil eines Vulkankraters. Teil von Gefahr, als dichter Nebel aufzog.





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Ist dies eine Hand - oder eine Hand?
Wir fanden sie - samt anhängendem Skelett am Meer und verfielen sofort in dummdeutsche Ordnungspanik ... man muss den ja beisetzen, man muss ja die Polizei benachrichtigen, man muss ja, muss ...
Die Hand ist zwar eine Hand, in real jedoch von bräunlichem Fell überzogen und gehörte einem Seehund - wie auch der Rest des Skelettes, den ich auf Rücksicht auf zarte Gemüter nicht poste (aber natürlich fotografiert habe)
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Nur ein Pferd ist ein Pferd ist ein Pferd.
Egal wie, egal wo.
Es ist - es war nicht, es wird nicht sein - es ist einfach.
Steht man neben einem Pferd, versammeln sich Urd, Skuld und Verdandi vor dem Webrahmen und weben einen Faden, legen einem den Faden in die Hand und lassen einem beim Pferd stehen, auf daß man herausfindet, wo es lang geht.
Dem Pferd ist das - mit Verlaub gesagt - wurscht.
Es ist ´ja einfach.

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Kleine Dinge wirken groß





und große Dinge lustig: heute trat der neue Bürgermeister von Reykjavik als Tunte verkleidet auf die Bühne um den Schwulen Feiertag zu eröffnen.
Sowas hat vermutlich nur Island: einen Komödianten, der Politiker ist, der sich als Tunte verkleidet.
Nichts im Zweibeinerleben ist so wie es scheint.

Übrigens: ist es kurz vor Mitternacht und seit etwa einer Stunde stockfinster.
Soviel zu endlosen Sommernächten. Ein kurzlebiges Ding - und ein langlebiges Märchen ;-)

Sunday, August 1, 2010

Focus

Das Kaufmannswochenende endet absurd.
17.000 Menschen sind auf den Westmännerinseln gewesen, soviele wie nie zuvor, und nur 11 Körperverletzungen nebst ein paar Drogendelikten. Muss Feiern schön sein ;-)
Wir Pragmatiker fragten uns, wie man den An(Ab)sturm mit der Fähre bewältigt, immerhin sind sie über Tage verteilt angereist gekommen. Und ob es unter den Vögeln der Insel inzwischen wohl Brauch ist, an dem Wochenende auf die Nachbarinsel auszuweichen.
Thetta reddast, vermutlich.

Fludir entleerte sich spontan am Nachmittag - galt gestern noch der Spruch "wo sind die alle? - die sind in Fludir", muss man sich ab heute was Neues überlegen - in Fludir sind sie nämlich nicht. In Selfoss und Stokkseyri waren sie auch nicht, und der Ball in Hella, den wir am Abend frohgemut zum Tanzen besuchen wollten - angeblich können die Insulaner ja so toll feiern und tanzen, und zu zwei Frauen kann man sich in diesem Macholand ja auch mal trauen, wegzugehen - fand mangels Besuchern nicht wirklich statt, obwohl die Musik gut war.

Und wo waren sie nun alle??
Vermutlich totgefeiert im Bett.
Vermutlich nach einem endgeilen Wochenende. In Fludir ohne Programm, aber mit viel Saufen, oder in einer anderen Zeltstadt, útileiga, hammwa Spasss jehabt.
Ist halt immer die Frage, wo der persönliche Focus ist. ;-)