Monday, September 28, 2009

Was Färöer wirklich ist, begreift man, wenn man das Archipel verlässt.



Wir müssen an der gesamten Küste vorbei und sehen mindestens 10 Inseln. Und alle sind sie karge Eilande, baumlos, grasbewachsene Felsen, die sich vor Urzeiten aus dem Meer erhoben haben, und an deren Klippen Wellen sich eindrucksvoll brechen. Warum leben Menschen hier?? Offenbar ist der Fisch immer schon eine gute Einkommensquelle gewesen. Viele reisen auch zum Winter hin nach Island, um dort auf Fischkuttern anzuheuern – seit Tórshavn hört man überall färingisch und nicht wenige Männer sehen aus wie Saisonarbeiter und Seeleute.





Während die Norröna die Inseln passiert, ist das Sonnendeck voll. Das Café öffnet seine Tore, man konsumiert Bier (übrigens zu allen Tageszeiten), Bier und Popcorn. Alle genießen die Aussicht, großzügig gießt die Sonne sanftes Licht über die kargen Felsen, um den Kontrast von grünem Gras und blauen Himmel zu betonen, und sie lässt für kurze Zeit vergessen, daß wir auf dem Weg in den rauhen Nordatlantik sind.










Doch kaum liegt Färöer hinter uns, nimmt der Seegang merklich zu. Der Himmel wird wie von Zauberhand grau und die Norröna beginnt auf den Wellen zu tanzen. Ein erster Passagier benutzt die Tüte. Ein erster besoffener Wikinger lässt sich neben mir nieder, um alkoholdunstend ein Gespräch zu beginnen. Der Steward wirft ihn raus.
Der Horizont am hinteren Finster tanzt wild wie ein Squashball auf und ab. Wenn er es schafft, beide Fensterkanten nacheinander zu berühren, wird es Zeit, über Koje oder Pillen nachzudenken …
Ich hoffe, daß die Nacht nicht so wird wie das Meer gerade aussieht - schon mehrfach hörte ich daß die Strecke zwischen Färöer und Island schlimmer sei als die Region um die Shetland Inseln. Hier im Café jedenfalls scheint niemand Sorge zu haben, die Leute essen, als sei das da draußen nichts Besonderes ...
Tórshavn und eigentlich ganz Färörer lebt vom Fisch. Der Fisch hat die Insel offenbar so wohlhabend gemacht daß sie in der Lage waren, Island spontan Geld zu geben, als es vergangenes Jahr ganz am Boden lag. Beschämend, weil das sonst kein europäischer Staat getan hat.






















Dutzende Fischerboote liegen im Hafen – keine großen Kutter sondern kleine Boote. Der Armenier erklärt mir daß sie damit auch auf Walfang gehen und daß zur Saison das Wasser im Hafen blutrot ist. Sie töten den Wal und zerschneiden ihn auf dem Weg zum Hafen, das Blut bringen die Wellen mit. Im Hafen wird die Beute dann komplett zerteilt und das sei ein ziemliches Gemetzel. Ob's stimmt? In jeden Fall klingt es nach einer tollen Geschichte. Auf der Werft reparieren sie einen Hochseefischer, den einzigen weit und breit, die Arctic Viking. Niemand verwehrt mir das Herumlaufen oder Fotografieren, obwohl überall 'Durchgang verboten' steht. Hier auf Färöer scheint die Zeit auch ein bisschen langsamer abzulaufen als anderswo.
















Geschäfte gibt es nur wenige. Mehr Friseure und Modeläden als anderswo – und ich finde nichts zu essen. Keine Bäckerei, keinen Supermarkt, nicht mal einen geöffneten Kiosk. Vielleicht wird das alles vor den Touristen versteckt, damit sie in den Cafés ihr Geld lasen. Der Armenier erzählte daß noch vor ein paar Jahren die Norröna ihre Passagiere für zwei Tage auf Färöer entlud – eine Art deal zwischen Reederei und Insel, denn man musste sich zwei Tage lang hier verköstigen und Hotel bezahlen. Das machte die Reise nach Island richtig teuer, und bei schlechtem Wetter auch sehr langweilig. Heute blutet man nur hier am Buffet, wo es kaum eine Mahlzeit unter 80 Kronen gibt – und ich verstehe jetzt auch die vielen Plastiktüten, die aus isländischen Autos ausgepackt wurden …

Färöer

Unsanft weckt einen um 4.30 in der Früh der Kapitän – nur um zu sagen daß man in Kürze anlegen werde und daß das Schiff gegen 14 Uhr wieder ablegt. Laura1 ist tough und steht auf – was sie in der Dunkelheit treiben wird, weiß niemand. Laura2 verschwindet gegen 7. Ich bin mit meinem isländischen Armenier für 8 Uhr verabredet und frühstücke erst mal.







Der Morgen graut in Tórshavn, dunkelgraue Wolken vor vielleicht bald blauem Himmel – und wie das so ist, wenn Engel reisen scheint die Sonne: gegen 10 Uhr reißen alle Wolkenbänder auf und warme Sonne verwöhnt das einsame Eiland im Nordatlantik.










Der Armenier verlässt mich bald, er ist solches Wandern nicht gewöhnt. Vermutlich kann er mit seiner Bodybuilderfigur eher Granitblöcke stemmen als Berge hochklettern, und vermutlich ist er durch seine seltsame Vergangenheit auch eher Nachtluft gewöhnt als Frischluft. Aber es ist durchaus lustig, mit einem ehemaligen doorman, der viel zuviele osteuropäische Frauen kennt um nicht eigentlich suspekt zu sein, durch die Gegend zu ziehen und sich seine Geschichten erzählen zu lassen. Solange ich nicht erzählen muss und er mich nicht angräbt, ist das völlig in Ordnung. Und das deutsche Fräulein ist eh zu hart für ihn. Ich marschiere alleine weiter und dorthin, wo es mich immer und an jedem Ort der Welt hinzieht: in den Hafen.





Das mit dem Schlafen war eine gute Idee, ich habe das ziemlich schnell gemacht. Man liegt flach auf dem Bett und lässt die Wellen durch seinen Körper gleiten. Sie beginnen bei den Füßen und enden am Kopf. Ein bisschen wie auf einem Kirmeskarussell. Man kann sich auch vorstellen daß man in einem Wasserbett mit Wellengang liegt und verliert darüber die Furcht. Es wiegt einen in tiefen Schlaf – den halben Tag habe ich so verpennt, was gut war, weil es um die Shetlandinseln dann doch ziemlich rauh wurde und man selbst im Bett das Gefühl hatte, abzuheben. Gegen Abend fanden Laura und ich den Mut, an Deck zu gehen, etwas zu essen – und siehe da, wenn man sich unterhält und andere Menschen trifft, vergisst man das Rollen des Schiffes. Die leichte Übelkeit ist immer noch da, aber nicht schlimm genug, um die interessante Runde zu verlassen die sich in der Cafeteria zusammengefunden hat. Ein Armenier mit isländischem Pass hat tausend gute Tipps zu allen Lebensfragen und den aktuellen Wetter- und Straßenzustandsbericht aus Island, Laura(1) aus Finnland will auf einer Gemüsefarm arbeiten und dort ein Buch schreiben, Laura(2) aus England will nach Vik auf eine Milchfarm, dann gibt es noch eine Isländerin, die in Schweden Arbeit gesucht hat … mal sehen wer sich morgen noch alles einfindet. Man kommt ja nicht weit, man läuft sich immer wieder über den Weg und alle sind gespannt, relaxt, interessiert, es gibt ja sonst nichts hier. Man wird auf sich geworfen, starrt entweder stundenlang auf die Wellen ohne einen Gedanken, oder man redet mit wildfremden Menschen.





Mit jeder Seemeile, die ich mich von Deutschland entferne, werde ich ruhiger. Das Vermissen geht weg. Es wird wiederkommen, doch erst mal lähmt es nicht mehr. Ich weiß ja nicht was kommen wird, aber die Zukunft ist nicht düster, sondern wie ein weißes Blatt welches darauf wartet, beschrieben zu werden.
Da war die Bundestagswahl. Der Armenier lässt mich im Internet gucken, wer gewonnen hat. Selten war mir etwas so scheißegal gewesen wie der Ausgang dieser Wahl.
Morgen legen wir auf den Färöer-Inseln an, um 5 Uhr in der Früh, für 6 Stunden. Es wird gut sein, dort herumzulaufen, nach diesen faulen Tagen des Abhängens und Rumschlafens.
Das Schlafen in den Kojen ist bequem. Wenn das Schiff rollt, wird man wie in einer Wiege bewegt, ein angenehmes Gefühl. Ich habe über 10 Stunden geschlafen, vorher an Deck und im Restaurant auch. Vielleicht sind es die Akkupressurbänder, die so müde machen. Oder die Tabletten gegen Seekrankheit – ich bin schon wieder müde und liebäugle damit, ins Bett zu gehen. Kopfschmerzen zermürben. Das Essen fällt schwer, man muss sich zwingen, denn wenn der Magen leer ist, wird einem erst recht schlecht.
Dabei ist das Meer eigentlich ruhig, trotzdem schwankt es ganz schön und ich glaube, ich bin doch ein bisschen seekrank. In jedem Fall froh, nicht reden zu müssen. Meine Kabinennachbarin hat mir bereits ihre Lebensgeschichte erzählt, die beiden Lauras sind unterwegs, eine davon ist seekrank.
Draußen ist alles grau in grau – drinnen Langeweile. Zum Arbeiten oder lesen fehlt mir jede Energie. Vielleicht sollte man auf seinen Körper achten und halt …. schlafen.

Zurück zur Insel

Es war der zweitgrößte Aufbruch meines Lebens gewesen. Packe dein Leben in vier Kisten und entscheide, was dir wie wichtig ist, denn du wirst es nur an einem Ort haben können. Geradezu existentielle Entscheidungen,wenn man wie ich ein Gewohnheitstier ist, dem der Kaffee am besten aus der Lieblingstasse schmeckt
Ich gehe nach Island – erst mal für drei Monate, alles weitere wird sich finden. Meine liebsten Dinge sind also bei mir – erst mal. Dinge geben einem Halt,. Eine blöde Porzellantasse kann einem das Gefühl von Normalität schenken, wo nichts mehr normal ist.
An diesen vier Kisten habe ich gestern beinah 20 Stunden geräumt., gegrübelt, geweint, wieder neugepackt. Am Ende standen sie im Auto und ich war zufrieden mit dem, was im Auto war und was im Haus zurückgeblieben war, wohin ich ja zurückkehren werde. Um 3 Uhr nachts habe ich das ungeliebte Haus noch einmal geputzt und bin dann für zwei Stunden ins Bett gegangen, aber mehr aus Vernunft als aus echter Müdigkeit.
Alleine aus seinem Leben aufbrechen ist ein einsamer Job, und es macht auch keinen Spaß. Man muss weinen, weil man nicht weiß, was auf einen zukommt und weil niemand einen auffängt. Es ist kein Heimweh, weil man kein Heim mehr hat, aber man vermisst trotzdem. Das was ich hier tu, nennen daher die einen Wahnsinn, die anderen Mut. Trotz aller Angst bin ich stur genug weder über das eine noch über das andere nachzudenken, weil das zu nichts führt. Und außerdem ist es ziemlich cool, mal was völlig verrücktes zu machen, selbst auf die Gefahr hin, daß man damit gegen die Wand fährt. Wann wenn nicht jetzt?











Aber ich fand mich ehrlich gesagt doch auch mutig, ganz allein mit meinem Hausrat aufzubrechen und in den Bauch dieser riesigen Fähre zu fahren – etwas, was sonst nur Männer tun, während die Frauen brav neben ihnen sitzen und allenfalls „Liebling, die Karte“ oder „Schatz, die Pässe“ halten dürfen.










Die Fähre ist randvoll mit isländischen Heimkehrern, betagten Herbsttouristen und Abenteurern wie mir. Und nicht wenige von ihnen schauen sich unruhig um, schließlich ist der Himmel grau, kommt ein Sturm? Prophylaktisch kaut die Dame am Nachbartisch schon mal Superpep und schaut ihrem Mann ins Gesicht, ob ihm schon schlecht ist. Jeder hat gehört, wie es werden kann, jeder kennt Geschichten von Überfahrten, wo man sich das Bier selber zapfen muss, weil alle Angestellten mit Putzen oder Kotzen beschäftigt sind, und vielleicht hat auch der ein oder andere wie ich zum Abschied mutmachende Monsterwave-Videos vorgespielt bekommen.
Bleierne Müdigkeit hat mich inzwischen eingeholt, leider gibt es außer den engen Kajüten keine bequemen Stühle zum schlafen. Und so starre ich auf den langgezogenen Strudel, den die Schiffsmotoren hinterlassen und der Kringel in die See malt dort, wo das Schiff die Richtung wechselt. Vorne regt sich das Wasser fürchterlich auf, von Welle zu Welle wird es glatter und nur der Schaum schwimmt obenauf, bis es schließlich mit dem Meer eins wird und alle Aufregung vergessen ist.
Panta rei.

Friday, September 11, 2009

Heidespaziergang II







Nachdem der HeideRanger ( www.heide-ranger.de ) so davon geschwärmt hatte, bin ich heute morgen um halb 6 aufgestanden, um den Sonnenaufgang am Wilseder Berg zu erleben.
Es war wirklich zauberhaft ...









Elfenkissen ...





Etwas unwirkliches hat diese Landschaft. Sie entzieht sich dem Kameraauge, möchte lieber gemalt und beschrieben werden.
























(nein, keine Bilder aus der Toskana. Meine Kamera ist ein Spaßvogel. Sieht trotzdem cool aus.)


Diese zwei Strategen wünschten guten Hunger als ich auf dem Rückweg zum Frühstück war:





Thursday, September 10, 2009

Gestatten: Grabowski

Beachtliche Pranken und ein beinah unwahrscheinliches samtweiches Fell, keine Augen, dafür eine arrogante rosa Schnute - so präsentierte Herr Grabowski sich mir, als ich ihn auf der Wiese fand.




Schwielige Arbeitshände ...





Und irgendwie so eine Attitude ...
Leider war er tot.
Er muss wohl den Hund beleidigt haben.